Nach dem Rausch des „Zagreber Frühlings“ leben in Kroatien Ausweglosigkeit und Zukunftslosigkeit wieder auf

Spannungen im Vielvölkerstaat Jugoslawien

/ Von Andreas Kohlschütter

Laufen Jugoslawiens politische Uhren rückwärts? Wer in diesen nebelgrauen Wintertagen die kroatische Landeshauptstadt Zagreb besucht, der ist sich der Andersartigkeit des Tito-Staates im Vergleich zu den übrigen Ostblockstaaten nicht mehr so sicher. Die Angst und das ansteckende Mißtrauen, die sich schlagartig verbreitet haben, wirken ganz unjugoslawisch.

Die Leute verkriechen sich. Alte Bekannte meiden den Kontakt mit „Westlern“, der sie womöglich belasten könnte. Sie entschuldigen sich einer nach dem andern wegen angeblicher „Erkrankung“ oder sind, wie Familienangehörige mitteilen, „aufs Land verreist“. Berichte von nächtlichen Razzien, stundenlangen Hausdurchsuchungen und Polizeiverhören machen die Runde. Betroffen sind vor allem Intellektuelle, Studenten, Professoren und Schriftsteller.

Akademiker gehen ihre Bücherregale durch und lassen „chauvinistische“ Werke verschwinden, deren kroatische Autoren auf der schwarzen Liste stehen oder als Konterrevolutionäre bereits verhaftet worden sind. Universitätsdozenten verbrennen in Badewannen Stöße von „nationalistischen“ Zeitungen, die vor kurzem noch auf den Straßen Zagrebs verkauft wurden, deren Aufbewahrung heute aber verdächtig ist und eine klassenfeindliche Einstellung verraten könnte. „Die rote Mafia ist wieder am Werk“, steht mit Kreide geschrieben auf einer Hausmauer im Stadtzentrum.

Bitterböse Witze