Von Jens Friedemann

Deutschlands große Geschäftsbanken lechzen nach Börsensitzen in der Wall Street“, schrieb das US-Wirtschaftsmagazin Business Week. Tatsächlich haben die „Großen Drei“ – die Commerzbank, die Deutsche Bank und die Dresdner Bank – im amerikanischen Effektenmarkt schon Fuß gefaßt und damit erreicht, was viele amerikanische Finanzgesellschaften seit Jahren vergeblich versuchen: Sie können ihre Effektengeschäfte kostensparend selber oder über eigene Maklerfirmen ausführen.

Allerdings sind die drei Banken vorerst nur an kleinen Provinzbörsen vertreten. Die führenden Börsen des Landes, die New York Stock Exchange (NYSE) in der Wall Street und die zweite „Leitbörse“ in New York, die kleinere American Stock Exchange (AMEX), verwehren jedem Bewerber den Zutritt, der nicht vornehmlich im amerikanischen Aktienmarkt als Effektenmakler oder -händler tätig ist und die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Geschäftsbanken und Finanzgesellschaften, wie Investmentfonds und Versicherungsgesellschaften, ist eine Mitgliedschaft untersagt.

Trotz dieser strikten Trennung von Effektengeschäft und Kreditgeschäft in den USA streben die deutschen Banken weiter nach Wall Street. Und wie sich zeigt mit Erfolg:

  • Die Dresdner Bank konnte sich – als erstes deutsches Bankinstitut – bereits im Oktober 1968 über eine eigens gegründete Börsenmaklerfirma, der German-American Securities Corporation, an der Provinzbörse in Boston vertreten lassen.
  • Die Commerzbank beteiligte sich im Dezember 1970 zu einem Drittel an der Tochterfirma der Crédit Lyonnais und der Banco di Roma, die unter dem Namen Euro-Partners Securities Corporation in den USA an der Regionalbörse Midwest Stock Exchange in Chicago und an dem Philadelphia-Boston-Baltimore-Exchange über Sitze verfügt.
  • Die Deutsche Bank beteiligte sich vor einigen Wochen als gleichberechtigte Partnerin an der Tochterfirma der Schweizerischen Bankgesellschaft in den USA, die unter dem Namen UBSDB Corporation über Börsensitze in San Franzisko und an dem Philadelphia-Boston-Baltimore-Exchange verfügt.

Mit diesen Engagements haben die deutschen Banken den richtigen Schritt zur richtigen Zeit unternommen: Sie strebten die Mitgliedschaft an den Provinzbörsen an, die zur Hebung ihrer Umsätze zu Zugeständnissen bereit sind. Inzwischen hat der Leiter der staatlichen Börsenaufsichtsbehörde (SEC), William J. Casey, die Vorsitzenden der Provinzbörsen persönlich aufgefordert, keine Finanzgesellschaft mehr zur Börse zuzulassen, bis die SEC über diese Frage entschieden habe.

Die New Yorker Börse (NYSE), die Casey wahrscheinlich zu diesem Schritt gedrängt hat, hat guten Grund, die großen Finanzgesellschaften vor der Tür zu lassen. Sie – und unter ihnen insbesondere die Investmentfonds – sind die Hauptumsatzträger in der Wall Street. Solange sie von der Mitgliedschaft ausgeschlossen sind, müssen sie ihre Geschäfte über die Makler abwickeln und ihnen Provisionen zahlen. Wären sie an der Börse zugelassen, ginge den Maklern ihre wichtigste Einnahmequelle verloren.