Spanien erlebte in der vergangenen Woche die schwersten Studentenunruhen seit drei Jahren, von der alle 57 000 Studenten in der Hauptstadt erfaßt wurden. An den Universitäten von Bilbao, Saragossa, Salamanca, Valladolid und Barcelona kam es zu Sympathieaktionen, die nach einem halbwegs ruhigen Wochenende am Montag wieder aufflammten.

In der Nähe von Bilbao bewies die baskische Autonomiebewegung ETA mit der Entführung des Industriellen Lorenzo Zabala, daß sie sich nach dem Prozeß von Burgos wieder reorganisiert hat. In Asturien, Vizcaya und Madrid streikten und demonstrierten Anfang der Woche 4800 Arbeiter und Angestellte für höhere Löhne.

Die Unruhen in der Hauptstadt wurden durch die Exmatrikulation von 4000 Medizinstudenten ausgelöst, die seit November mit einem Vorlesungsstreik gegen eine neue Prüfungsordnung protestieren. Sie sieht vor, die Approbation erst nach sechs Jahren Studium und einem Jahr unbezahlten Praktikum (als Student, ohne Arbeitsvertrag) in den Universitätskliniken zu erteilen. Die Studenten fordern Bezahlung für das praktische Jahr. Sie wehren sich außerdem gegen den versteckten „Numerus clausus“ – nur 200 Plätze stehen zur Verfügung – und die offenkundige Disziplinierungsabsicht: Eine Praktikumstelle wird nur bei politischem Wohlverhalten zugeteilt. Sie verlangen ferner den Abzug der Polizei, die seit dem Frühjahr 1969 die Universitätsgebäude besetzt hält.

Noch mehr Aufsehen erregte die Entführung des 44jährigen Industriellen Lorenzo Zabala. Die ETA stellte in einem Brief an die Zeitung Hierro (Bilbao) drei Bedingungen: 1. Wiedereinstellung von 183 Arbeitern des Werkes Precicontrol, dessen Direktor und Hauptaktionär Zabala ist; 2. Gehaltserhöhung um 1000 Peseten pro Monat, und 3. Bildung eines Arbeiterrates, der nach spanischem Recht verboten ist. Andernfalls werde Zabala am Montag hingerichtet.

Das Unternehmen mußte dieser ersten Erpressung für soziale Ziele in den Punkten 1 und 2 nachgeben. Die 183 Mitarbeiter, die im Dezember für eine Gehaltserhöhung gestreikt hatten und deshalb ausgeschlossen worden waren, wurden wieder eingestellt, die höheren Löhne wurden bewilligt. Die Arbeiter weigerten sich allerdings, die Arbeit anzutreten. Sie verlangten, daß zwölf Kollegen freigelassen würden, die sich wegen der Entlassung in eine Kirche eingeschlossen hatten und dort in einen allerdings erfolglosen Hungerstreik getreten waren. Der Pfarrer hatte, mit Rückendeckung seines Bischofs, der Polizei das Betreten der Kirche verweigert. Angesichts der gespannten Beziehungen zum Episkopat verzichtete Madrid auf ein gewaltsames Eindringen.

Einige der Streikenden, angebliche Rädelsführer der Belegschaft, und zwei Geistliche wurden dann im Zusammenhang mit der Entführung verhaftet. Da die Suche nach dem Versteck Zabalas ergebnislos blieb, beugten sich die Behörden der Forderung, ließen die Verhafteten frei und sicherten dem Erzbischof von San Sebastian zu, daß es keine Festnahmen bei Precicontrol mehr geben werde. Die ETA setzte daraufhin Zabala in der Nacht zum Sonntag unverletzt frei.

Die Verhandlungen zwischen der Werksleitung und den streikenden Arbeitern führte ein Priester. Er erklärte nach Rücksprache mit seinem Bischof, daß die Kirche in diesem Falle eingreifen mußte. Sie verabscheue Gewalt, erkenne aber an, daß es Situationen gebe, wo sie nach Ausschöpfung aller friedlichen Wege angebracht sei. Spanien habe diesen Punkt beinahe erreicht.