Von Werner Birkenmaier

Als Hannah Arendt, die eigens zum Prozeß nach Israel gefahren war, den Massenmörder Eichmann in seinem Glaskasten beobachtete, da war sie betroffen von der „Banalität des Bösen“. Im Gerichtssaal, einem der letzten magischen Orte, schrumpfen die Dinge auf ihr wirkliches und zugleich ein unwirkliches Maß zusammen. Was die Philosophin sah, war kein über und über mit Blut beschmiertes Ungeheuer, sondern ein Kleinbürger mit verkniffenem Gesicht, der willfährige Angestellte einer mörderischen Ideologie. So wie Hannah Arendt ihn sah und beschrieb, war Eichmann wirklich; doch wirkte er zugleich auch unwirklich ohne die Ideologie, der er einmal gedient hatte – die Hülle eines Ballons, aus dem Luft entwichen ist.

Die Düsseldorfer Justiz hat es für richtig gehalten, den Prozeß gegen Karl-Heinz Ruhland, ein Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe, zu inszenieren wie den Eichmann-Prozeß. Der Angeklagte sitzt, offenbar auf eigenen Wunsch, in einem Kasten aus gepanzertem Glas. Die Parallele ist dazu angetan, falsche Assoziationen zu wecken. Ruhland wird, ob absichtlich oder nicht, in eine Dimension gerückt, die ihm nicht zukommen kann. Eichmann war zu schützen vor der Wut derer, die dem Ausrottungsmechanismus entgangen waren, an dessen Funktionieren er wesentlichen Anteil hatte. Der geständige Ruhland soll geschützt werden vor seinen früheren Freunden, einer kleinen Gruppe von Desperados, der man zutraut, in einen schwer bewachten Gerichtssaal einzudringen und den Verräter zum Schweigen zu bringen nach dem früher einmal verkündeten Motto: „Wer singt, der stirbt!“

Die Sicherungsmaßnahmen entsprechen dem, was man bei einem Prozeß gegen einen „Staatsfeind Nummer eins“ zu erwarten hat. Ruhland hingegen entspricht keineswegs dem Bild, das man sich von einem Staatsfeind macht. Die Strafverfolger haben die Baader-Meinhof-Gruppe an ihrem schwächsten Punkt getroffen. Von der Banalität des Bösen zu reden, wäre hier unangemessen; das Böse ist eine Kategorie, für die Ruhland zu klein ist und zu unbedeutend, er ist... ja, was ist er eigentlich?

Er ist noch nicht einmal eine Hülse, passend für eine bestimmte Ideologie. Er ist aus dem Stoff, aus dem man Mitläufer macht, gleichgültig wofür. Als ein Mitglied des OLG-Senats ihn fragt: „Hätten Sie auch für eine rechtsradikale Gruppe gearbeitet, wenn Grusdat das gewünscht hätte?“, da gerät er in Verwirrung, zögert und sagt dann „ja“. Ruhland ist immer ein Opfer, er stolpert von einer Opferrolle in die andere. Hätte ihm der Zufall ein paar andere Freunde beschert, er gehörte, wer weiß, zu denen, die Löcher in die Berliner Mauer sprengen oder auf Wachposten am sowjetischen Ehrenmal schießen. Einfach so, weil die anderen es tun.

Genosse für die Praxis

Ein Revolutionär, ein Staats- und Gesellschaftsfeind? Mitnichten. Ruhland stammt aus Verhältnissen, die diejenigen, die darin leben müssen, fast zwangsläufig in die Kriminalität führen: eine große Familie, ein kranker Vater, Heimarbeit, die dem Jungen weder Zeit zum Spielen noch zum Lernen läßt. Die Volksschule schafft er mit Ach und Krach, zweimal bleibt er sitzen. Für Menschen wie Ruhland ist das Leben ein Dickicht, das sich nie lichtet. Er weiß nicht, ob er hierhin gehen soll oder dorthin; aufwärts geht es ohnehin nicht. Man macht immer das Nächstliegende. Also betätigt er sich als Laufbursche und Binnenschiffer, als Rangierer und Arbeiter in einer Schnapsbrennerei.