Von Theodor Eschenburg

Streß in Bonn – das war in der vergangenen Woche der Titel einer Fernsehsendung von Hermann Schreiber und Istvan Burg. Die Erschöpfungskrankheit des Bundesverteidigungsministers lieferte dazu eine makabre Pointe. Beides zusammen illustrierte die unaufhörliche Überstrapazierung der Leistungsfähigkeit unserer Spitzenpolitiker.

Streß geht nach Brockhaus „jeder Krankheit voraus und ist in seinen quantitativ verschiedenen Ausprägformen (Stadium der Resistenz, Stadium der Erschöpfung) ein Ausdruck vitaler Leistungsfähigkeit des Organismus gegenüber einer Anstrengung“. Walter Henkels drückte es im Fernsehen drastischer aus: Der Streß, so sagte er, sei die moderne Form des Selbstmords.

Muten sich die Bonner Spitzenpolitiker zuviel zu: Brandt und Scheel, Schiller, Schmidt und Genscher, Barzel und Strauß, Wehner und Ehmke? Ihr Arbeitstag dauert nicht selten sechzehn bis achtzehn Stunden, bei Schiller und Schmidt sogar regelmäßig. Sechs bis acht Stunden bleiben für Essen, Schlafen und was dazu gehört.

Friedrich der Große und Napoleon kamen mit ganz wenig Schlaf aus. Das ist aber nicht jedermanns Sache. Zudem war Napoleon ein berühmter Tagesschläfer. Thomas Mann nennt den Mittagsschlaf die Zäsur des Tages. Adenauer hat noch nach dieser Einteilung gelebt, aber seitdem ist das Spitzenmetier noch anstrengender geworden. Nachtsitzungen und nächtliche Rückflüge von Beratungen im Ausland – etwa in Brüssel – zwingen die Staatsmänner oft, den nächsten Tag unausgeschlafen zu beginnen.

Der 70jährige Talleyrand war äußerst erbost, wenn er, was selten vorkam, um sechs Uhr aufstehen mußte, weil er für die zeitgemäß umständliche Morgentoilette und die Wagenfahrt nach Versailles so viel Zeit brauchte, um pünktlich um zehn Uhr beim König zu sein – aber er konnte seinen Schlaf nachholen. Metternich betrat sein Amtszimmer nicht vor zehn Uhr morgens, arbeitete höchstens neun Stunden und hatte täglich Zeit zum Reiten. Im arbeitsreichen Jahr 1818/19 schrieb er während des Dienstes Briefe an seine Geliebte, die Fürstin Lieven, die literarische Berühmtheit erlangt haben. Der Reichswehrminister Geßler ritt wie General von Schleicher fast jeden Tag im Tiergarten, Schleicher sogar noch als Reichskanzler. Der englische Premierminister Lloyd George beendete selbst im Kriege die Kabinettssitzungen am späten Nachmittag, weil er Golf spielen müßte.

Heute fehlt es unseren Politikern an solchen schöpferischen Pausen. Aber nicht nur der pausenlose Tag intensiver Anspannung verursacht Streß. Der ständige Wechsel der Gesprächs- und Sitzungspartner und damit der Thematik kommt hinzu; er erfordert entsprechende Umschaltung bei präsenter Beherrschung der jeweiligen Materie. Zu alledem tritt der Druck der Termine.