Bei Tierexperimenten kam die amerikanische Psychologin Ingeborg Ward von der Villanova-Universität in Pennsylvanien jetzt zu Ergebnissen, die vielleicht ein neues Licht auf die möglichen Einflußfaktoren für die Entstehung von Homosexualität werfen. Ward fand heraus, daß starker Streß während der Zeit der Schwangerschaft die normale Entwicklung männlicher Nachkommen blockieren und diese dadurch „entmännlichen“ kann (Science, 7. 1. 1972). Die Versuche deuten nach Meinung Wards an, daß zumindest gewisse Fälle menschlicher Homosexualität aus den Entwicklungsvorgängen im Mutterleib erklärbar sind.

Biologen wissen schon seit einiger Zeit, daß Geschlechtshormone einen wesentlichen Einfluß auf die menschliche Entwicklung im Uterus ausüben. Ohne das Eingreifen von Hormonen würde sich ein Fötus immer zu einem phänotypischen Mädchen entwickeln; das Mädchen wäre männlich nur im Sinne der genetischen Definition. Soll er zu einem Knaben werden, dann muß, von männlichen Geschlechtschromosomen gesteuert, ein kurzer Ausstoß eines männlichen Hormons aus den Geschlechtsdrüsen des Fötus erfolgen.

Den entscheidenden Einfluß des männlichen Hormons zeigt ein Beispiel: Ein weiblicher Fötus, dessen Mutter während der Schwangerschaft ein Hormonpräparat mit vermännlichender Nebenwirkung einnimmt, um eine drohende Fehlgeburt zu verhindern, wird mit vergrößerter und mehr oder weniger penisähnlicher Klitoris geboren. Obwohl es als Mädchen aufgezogen wird, zeigt das Kind eine eher jungenhafte Aktivität und später weniger Interesse an Heirat und Kindern als seine Geschlechtsgenossinnen. Umgekehrt bewirkt – zum Beispiel bei männlichen Ratten – ein vorgeburtlicher Hormonentzug, daß so behandelte Tiere in ihrer späteren Entwicklung verweiblichen.

Die Wissenschaftler sind sich darüber einig, daß das für die Entwicklung eines normalen männlichen Fötus entscheidende Hormon wahrscheinlich das den fötalen Geschlechtsdrüsen entstammende Androgen Testosteron ist. Seine Wirkung besteht darin, daß es jene „weibliche Maschinerie“ im Gehirn des ungeborenen Knaben blockiert, die einem Mädchen normalerweise den menstruellen Zyklus und weibliches Verhalten aufprägt.

Wie die neue Arbeit Wards andeutet, sieht dies bei streßbelasteten Rattenmuttertieren anders aus: Der männliche Fötus ist einer veränderten Hormonumwelt ausgesetzt, die aus nur wenig Testosteron aus den fötalen Geschlechtsdrüsen besteht, aber verhältnismäßig großen Mengen des schwächeren Hormons Androstenedion. Dieses wird als Folge des Streß von den Nebennierenrinden des Muttertieres oder des Fötus oder von beiden zusammen produziert, während die Testosteron-Ausschüttung gleichzeitig zurückgeht.

Die Veränderungen im Hormonspiegel haben weitreichende Konsequenzen: Die Gehirne männlicher Föten werden im Mutterleib auf „weiblich“ umprogrammiert und zeigen in ihrer späteren Entwicklung auch tatsächlich wenig maskuline Verhaltensmuster – sie haben nicht viel Lust, ihre Weibchen zu begatten, und wenn sie es tun, kommt es nur selten zu Ejakulationen.

Ward sieht in diesem Ergebnis eine Erklärung für die bei Ratten zu beobachtende natürliche Bevölkerungskontrolle – nämlich, daß Ratten bei drohender Übervölkerung weniger Nachkommen zur Welt bringen. Die Erklärung: Unter ungünstigen Umweltbedingungen – wie etwa Übervölkerung – stehen die Muttertiere unter Streß und setzen damit im Inneren des Körpers Vorgänge in Gang, die zu verringerter Ausschüttung von Testosteron und vermehrter Produktion von Androstenedion führen. Dies wiederum beeinflußt die männlichen Föten derart, daß sie in ihrem späteren geschlechtsspezifischen Verhalten starke Abweichungen von „normal männlich“ zeigen und in vielen Fällen überhaupt nicht mehr zur weiteren Vermehrung beitragen können.

Friedrich Abel