Als einsames Gespann durchlaufen die Erde und ihr Mond eine ellipsenförmige Bahn um die Sonne: Spätestens seit Johannes Kepler gehört diese fundamentale Tatsache zum Allgemeinwissen der Menschheit über ihren Heimatplaneten.

Nun scheint es, als müsse die Grundwahrheit korrigiert werden. Ein kosmischer Winzling namens „Toro“, so errechneten unlängst der schwedische Astronom Lars Danielsson und sein Kollege W. H. Ip von der amerikanischen University of California in San Diego, drängt sich mitunter in das intime Zweierverhältnis. „Toro“ (spanisch für Stier) umkreist in einer wunderlichen, beinahe ornamentalen Bahn sowohl die Sonne als auch das Erde-Mond-System.

Der seltsame kosmische Felsbrocken – halb Planet, halb Mond und nur wenige Kilometer groß – gehört zur Gruppe der Asteroiden. Die meisten dieser versprengten Mini-Planeten (der größte, „Ceres“, hat ganze 700 Kilometer Durchmesser) umkreisen die Sonne in einem Korridor zwischen der Mars- und der Jupiterbahn. Einige durchlaufen exzentrische, kometenhafte Bahnen – wie etwa „Ikarus“, der der Sonne noch näher kommt als der Planet Merkur.

Die ungewöhnlichste aller Asteroidenbahnen aber durcheilt Toro. In 1,6 Jahren, so konnten Danielsson und Ip ihren Computerberechnungen entnehmen, vollendet „Toro“ einen Umlauf um die Sonne. In der gleichen Zeit schwingt er sich in einer herzförmigen Schleife um Erde und Mond. Nach drei Sonnenumläufen (= 4,8 Erdjahre) schließt sich sein Bahnornament wieder; in diesem Zeitraum vollendet er fünf Erdumschwünge und nähert sich dabei unserem Planeten bis 20 Millionen Kilometer.

Danielsson und Ip wissen nicht, wann die interplanetare Dreierbeziehung begann. Sie sind jedoch sicher, daß diese Konstellation bereits vor 200 Jahren existierte und mindestens noch 400 Jahre andauern wird.

Zwei andere Wissenschaftler wollen diese Zeit nicht ungenützt verstreichen lassen. Der Physiker und Nobelpreisträger Hannes Alfvén und Gustaf Arrhenius, beide ebenfalls von der „University of California“, schlugen unlängst vor, eine Astronautenmannschaft bei günstiger Konstellation auf „Toro“ landen zu lassen. Gesteinsproben von dem rätselhaften Torkelmond, so hoffen Alfvén und Arrhenius, könnten für die Wissenschaft die gleiche Bedeutung haben wie etwa Proben vom Mars – sie würden Hinweise geben, wie und wann das Sonnensystem entstanden ist. Die beiden renommierten Forscher können für ihren Plan ein gewichtiges Argument anführen: „Toro“ kommt der Erde gut dreieinhalbmal näher als Mars – und ist damit schneller und billiger zu erreichen.

Ob „Toro“ allerdings über die errechneten 400 Jahre hinaus seine Erdumschwünge fortsetzt, können die Astronomen nicht sagen. Das britische Wissenschaftsblatt „New Scientist“ umschrieb das Kernproblem der fragilen kosmischen Beziehung: „So ein zartgebundener Liebhaber mag durchaus von seinen harmonischen Beziehungen zu den störenden Reizen; anderer Körper angelockt werden – nicht zuletzt von der Venus.“ gh