Von Gustav Adolf Henning

Mit einer kosmischen Variante des Tintenkleckstestes nach Rorschach prüft ein Team von 27 Wissenschaftlern die Phantasie. Aus einer Distanz von mehr als 150 Millionen Kilometern kommen die Deutungsaufgaben von der amerikanischen Marssonde Mariner 9. Seit einer Reihe von Tagen sendet sie Bilder, die mit merkwürdigen Klecksen übersät sind.

Nach der Ankunft der Sonde am Mars im November vorigen Jahres hatten heftige Staubstürme den ganzen Planeten wochenlang verschleiert, und es schien bereits so, als würden sie die photographischen Kartierungsaufgaben von Mariner 9 scheitern lassen. Dann legte sich der Sturm; scharfe und klare Bilder erreichten das Auswertezentrum im kalifornischen Pasadena. Doch statt Klarheit zu bringen über das alte Marsrätsel, was im Frühling die Verdunklung einzelner Regionen bewirkt, vertieft der Bilderdienst vom Mars dieses Rätsel eher noch mehr.

Die dunklen Kleckse überziehen Kraterboden und Hochländer, oder sie säumen Gebirgszüge. Manche haben einen Durchmesser von 160 Kilometern, die kleinsten liegen an der Grenze des Auflösungsvermögens der Marinerkameras und werden von der „New York Times“ mit dem Format des „Yankee-Stadions“ verglichen. Von etlichen Klecksen steht schon fest, daß sie sich von Woche zu Woche verändern, denn Mariners Kameras nehmen alle neunzehn Tage die gleiche Region unter dem gleichen Lichteinfall auf.

Im Deute-Team in Pasadena überwiegt gegenwärtig jene Gruppe, die geneigt ist, die dunklen Flecke und Kleckse mit dunklen, vom Sturm staubfrei und blank geblasenen Felspartien zu identifizieren. Für einen Zusammenhang des Phänomens mit Sturm und Staub spricht die Beobachtung, daß die Kleckse oft, aber nicht immer mit Kratern assoziiert sind. Manche Krater bilden gemeinsam mit einem schweifähnlichen Fleck eine Kometenfigur, was den Eindruck von verhinderter Staubablagerung im Windschatten erweckt.

Doch diese marsmeteorologische Deutung hat auch ihre Schwierigkeiten. Aus den Funksignalen – die auch dann unverändert bleiben, wenn sie vor dem Verschwinden der Sonde hinterm Mars die bis zu 40 Kilometer Höhe aufgewirbelten Staubwolken durcheilen müssen – läßt sich •schließen, daß die einzelnen rot gefärbten Staubpartikel kleiner als ein tausendstel Millimeter sind. Mithin ist der Staub zehn- bis zwanzigmal feiner als Blütenstaub von Weiden. Nach Abebben des Sturms müßte er langsam niederrieseln und sich auch auf freigewehten Flächen wieder niederlassen. Außerdem kann die Windschatten-Theorie nicht erklären, warum sich die Kleckse im Marsfrühling intensiver färben.

Kühn und üppig fiel das Spekulieren bei einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern aus, die – vielleicht auch mehr im Zuge eines Brainstormings – sich die Kleckse als eine Art Wüstengestrüpp ausmalten, das wegen seiner Hochstämmigkeit im Staubregen nicht verschüttet wird. „Eine biologische Erklärung“, so der Astronom Professor Carl Sagan „ist noch nicht gänzlich ausgeschlossen. Sie hat aber wenig Wahrscheinlichkeit.“