Nach vierzehnstündiger Seefahrt vom Nordkap aus, ragt die Bäreninsel unvermittelt aus dem Nebel heraus. Die ersten Trottel-Lummen, kleine schwarz-weiße Schwimmvögel, flattern neben dem Schiff her. Sie leben auf den schwarzen, steilen Klippen und dem 411 Meter hohen Vogelberg, Fuglefjell, an der Südspitze der Bäreninsel. Durch das Fernglas erkennen die Passagiere die Überreste eines stillgelegten Kohlenbergwerkes, verrostete Schienen, umgestürzte Loren, grauverwitterte und zersplitterte Holzhäuschen. Vegetation ist nirgends zu sehen, lediglich die rot-weiß gestrichenen Funkmasten der norwegischen Wetterstation und drei oder vier, dazugehörige Holzhäuser zeigen, daß in dem von steilen Felswänden umschlossenen Naturhafen Sørhamn Leben ist.

Geotektonisch gehört die Bäreninsel zur großen Inselgruppe Spitzbergen. Sie ist die Fortsetzung der „kaledonischen Faltungszone“, zu der auch die Gebirge Schottlands und Norwegens gehören. Spitzbergen selbst liegt noch einige Schiffsstunden nördlicher und trägt seinen Namen nach der eisbedeckten und in bizarren Spitzen aufragenden Gebirgskette, die an seiner Westküste entlangläuft. Beim langsamen Zugleiter auf die Küste erleben Photo-Fans den sogenannten Schatzkammereffekt wie in Andersens Märchen vom Feuerzeug: Hat man gerade einen Gletscher begeistert photographiert, taucht, schon ein noch schönerer, größerer auf. Das Eis zeigt sich in den schönsten Farben: Grün,Türkis, Azurblau, dazwischen Dunkelblau leuchtende Gletscherspalten, ganz im Hintergrund die schwarzen Berge im Nebel.

Einfahrt in die Magdalenenbucht im nördlichen Teil Spitzbergens: Zwischen Eisschollen treiben türkisblaue kleine Eisberge von den Ausmaßen eines Möbelwagens. Je näher man dem Waggonwaygletscher, der am Ende des Fjordes liegt, kommt, desto dichter wird das Treibeis. Bis auf 180 Meter nähert sich das Schiff der Gletscheraußenkante, die etwa 30 Meter senkrecht aus dem Wasser emporragt. Auf Möwen und Trottel-Lummen, die im weißgrünen Wasser dümpeln, tropft das Schmelzwasser.

Lilliehöökbreen (breen = Gletscher) am Ende des Kongsfjordes. Hier kann man mit Booten des Schiffes eine Rundfahrt an der Gletscheraußenkante entlang und um die davor im Wasser liegenden Eisberge machen. Seehunde sind die verspielten Zuschauer bei diesem Ausflug, und abends hat der Reisende Eis aus dem Nordpolarmeer im Whiskyglas.

Im Tempelfjord, dessen Wände an indische Tempel erinnern, schwappen blaugrüne, spitzeckige Eisstücke herum, die der Gletscher Von-Post-Breen abgeworfen hat. Der Gletscher „kalbt“. Plötzlich brechen zwei hausgroße Eisblöcke von der Kante des Gletschers ab. Sie rauschen beinahe langsam in das Wasser, noch ehe die Teleobjektive der wartenden Filmkameras darauf eingerichtet worden sind.

Spitzbergen oder „Svalbard“, wie es die Norweger nennen, ist nicht unbewohnt. Das norwegische Verwaltungszentrum steht in Longyearbyen, daneben gibt es noch eine zweite Norwegersiedlung in Ny Ålesund. Letztere ist Ausgangspunkt vieler Polarexpeditionen gewesen, und noch heute ist der Mast zu sehen, von dem aus der Forscher Amundsen mit dem Zeppelin zu seiner letzten Suche nach dem verschollenen Nobile aufgebrochen ist. Trotz norwegischer Verwaltung lebt neben den 900 Norwegern die dreifache Anzahl von Russen auf Spitzbergen. Der Hauptanreiz für die Besiedlung eines Gebietes, das bis zu Vierfünfteln mit ewigem Eis bedeckt ist, das nur im Juli und August nicht mit Neuschnee rechnen muß, ist die Tatsache, daß hier Kohle ohne große Schwierigkeiten in waagerechten Stollen abgebaut werden kann. Bevor eine Schlagwetterexplosion im Jahre 1962 drei Viertel aller in den Gruben arbeitenden Bergleute tötete, war Ny Ålesund ein Zentrum des Bergbaus. Der Rauch des Grubenbrandes dringt noch heute aus den Stollen, und die Bergarbeitersiedlung ist nahezu unbewohnt. Die meisten der guterhaltenen Häuser stehen leer. Nur 30 Norweger wohnen hier. Sie arbeiten in den beiden weißen Kuppeln der amerikanischen Satellitenstation.

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