Die meisten Jugendlichen stehen ständig im Konflikt zwischen ihren Wünschen nach Freiheit, ihrer Sehnsucht nach Unabhängigkeit einerseits und den Gesetzen einer Gesellschaft andererseits, die diese Jugend in ihre vom Leistungsprinzip geprägte Konsumgesellschaft integrieren möchte. Sie finden sich einem Wirrwarr eigener Gedanken und Gefühle gegenüber. Der Widerwille gegen eine Gesellschaft, in der die Leistung Maßstab für den Wert oder Unwert eines Menschen ist, gerät in Gegensatz zu dem Wunsch, selber etwas zu leisten, zu konsumieren und infolgedessen respektiert zu werden.

So steht die Elterngeneration einerseits kopfschüttelnd vor einem ungeheuren Anstieg des Konsums ihrer Kinder, die nie unter einem so gewaltigen politischen und wirtschaftlichen Zwang gestanden haben wie sie – andererseits wird sie ständig konfrontiert mit dem offenen Ekel, den viele Jugendliche gerade gegen diesen Konsum, gegen das Streben nach Sicherheit, gegen eine feste Ordnung und Moral hegen. Auf der einen Seite erhebt sich die Frage, was sie denn eigentlich will, diese Jugend, die es doch objektiv viel besser hat als viele Generationen davor, warum und wogegen sie denn protestiert und mit welchem Recht? Wie leicht ist es doch, so behauptet man, alle Grenzen für null und nichtig erklären zu wollen und in Ungebundenheit zu leben, statt selbst etwas Positives zu tun! Auf der anderen Seite steht die Unsicherheit, das Auf-der-Suche-sein, die totale Verwirrung und eine unbestimmte Sehnsucht, gleichzeitig aber die klare Formulierung, ja manchmal sogar Ideologisierung bestehender fester Vorstellungen.

Sie sind auf der Suche nach Freiheit, nach Liebe, nach der Möglichkeit der Verwirklichung ihrer Ideale, nach Maßstäben für ihr Handeln. Sie sind unterwegs, diese vierzehn- bis neunzehnjährigen Jungen und Mädchen, deren Unsicherheit ihren Ausdruck vielleicht in endlosen Diskussionen, vielleicht auch in der Flucht vor dem Nachdenken findet. Sie haben ihren Blick auf das Vollkommene gerichtet, von dem behauptet wird, daß es unmöglich und unerreichbar sei. Sie stoßen sich dauernd an Grenzen von Familie, Schule, Betrieb und Staat, und ihre immer wiederkehrende Frage lautet: „Warum?“

So paradox es bei diesem steten Protest gegen Grenzen klingen mag: ich glaube, daß diese Jugend auf der Suche nach echten, guten Grenzen ist. Die gleichen „Revoluzzer“, die sich und anderen das Leben zur Hölle machen, die unmenschlich hart sein können, wenn es um ihre Forderungen geht –, sie setzen sich mit Feuereifer für jemanden ein, der sie versteht, auch wenn er anderer Meinung ist. Sie sind glücklich, wenn sie in ihrem verwirrenden Durcheinander jemanden gefunden haben, der ihnen Halt bietet, der ihnen zuspricht und widerspricht, sie sind selig über echte Autorität. Sie möchten so gerne ernst genommen werden in ihrem Willen, eine Welt ohne Panzer und Raketen zu bauen, in ihrem Ansturm gegen Zwänge; und in ihren Blick auf die passiv Zuschauenden mischen sich Wut, Traurigkeit und Bitterkeit. Es ist nicht leicht, dauernd mit einem lächelnden: „Du wirst schon auch noch dahinter kommen!“ betrachtet zu werden.

Und doch: ist nicht etwas Wahres an der Forderung, sich erst einmal in der Auseinandersetzung mit menschlichen Grenzen zu bewähren, erst einmal selbst in so einem verplanten Arbeitsprozeß zu stecken und dann zu protestieren? Wer unter uns ganz ehrlich ist, wird auch als Jugendlicher zugeben müssen, daß bei allem hohen, verzweifelt ehrlichen Idealismus ein gewisses Maß an Besserwisserei vorhanden ist. Man kommt sich weiser vor als mancher Erwachsene, man findet sich interessant; und mitunter ist es auch ganz lustig, ohne weitere Opfer, geschützt in der Anonymität großer Gruppen, den neuen Menschen und die neue Erde zu propagieren –, in fröhlicher Herablassung all denen gegenüber, die noch nicht zu dieser Erkenntnis durchgedrungen sind.

So entstehen bei den Jugendlichen verschiedene Lager: es gibt Schüler und Lehrlinge, die ernsthaft versuchen, aus hohem Idealismus für eine bessere Zukunft zu arbeiten, aber auch solche, die nur protestieren, weil es ja so schön, modern und einfach ist; es gibt Leute, die viel nachdenken, aber auch solche, die es überhaupt nicht tun, sei es aus Bequemlichkeit oder aus Angst, auf einmal vor einem gähnenden Nichts zu stehen. Denn darüber muß man sich klar sein: um das Recht zu haben, Grenzen zu kritisieren und aufzuheben, muß man den Mut haben, ganz real ohne sie zu leben und Bindungen aufzugeben. Dann aber bedroht uns das Nichts, die absolute Leere.

Wir stehen einer Generation gegenüber, die in Grenzen gezwängt wurde, wie sie uns heute in einem relativ freien Land kaum noch vorstellbar sind. Es sind Menschen, die Unsicherheit, Angst, Not und Vergewaltigung ihres Denkens in einem Maße kennengelernt haben, daß uns davor graut. Es ist eine Generation ohne Jugend, ohne Heimkehr, eine „Generation ohne Abschied“, wie Wolfgang Borchert sagt. Sie hat beides kennengelernt: totalen Zwang und totales Chaos. Als sie jung war und beides brauchte: Geborgenheit und die Möglichkeit kritischen Fragens, da war sie allein gelassen, wurde sie in eine bestimmte politische Richtung gedrängt, wurde in den Krieg geschickt, erlebte Grenzsituationen und fand sich nach dem Krieg in einem totalen Durcheinander. Wen darf es da noch wundern, daß sie heute glücklich ist über Ruhe und Ordnung, daß sie unser Leben als ein Leben in doch erheblich großer Freiheit empfindet und daß es ihr schwerfällt, Kinder zu verstehen, die sich aus all dem heraussehnen, was ihr so furchtbar gefehlt hat?