Die Filme des amerikanischen Komikers W. C. Fields sind in Deutschland so gut wie unbekannt geblieben. Eine erste große Retrospektive mit 7 Lang- und 6 Kurzfilmen läuft seit Weihnachten im Dritten Programm des Norddeutschen Rundfunks und wird später im Bayerischen und Westdeutschen Rundfunk gezeigt werden. Die restlichen Termine mit Fields-Filmen in der Nordkette sind der 6. und 20. Februar und der 5. März.

Er hatte das Pech, an einem Weihnachtstag zu sterben (1946), aber es war ein Mißgeschick, das ihm gut zu Gesicht stand. Denn W. C. Fields – Woolchester Cowperthwaite Fields –, wie sich William Claude Dukenfield nannte, ältestes von fünf Kindern eines aus England eingewanderten Gemüsehändlers und Trunkenbolds, haßte Weihnachten, wie nur ein mißratener Rheinländer den Karneval hassen kann. Fields muß irgendwem einmal erzählt haben, wieso. Der Vater habe ihm, dem Achtjährigen, das erste selbstverdiente Geld gestohlen, mit dem der Junge seiner Mutter ein Weihnachtsgeschenk kaufen wollte. Der Vater klaute für Schnaps – und Fields fügte hinzu: er könne den Vater gut verstehen, denn er, der Sohn, hätte nicht anders gehandelt. Seitdem jedoch verabscheue er das Fest und hüte sein Geld überängstlich.

Die Fields-Legende ist voll von solchen Geschichten und Sprüchen. Einer der berühmtesten lautet: „Jemand, der kleine Hunde und Kinder haßt, kann nicht ganz schlecht sein.“ Die Geschichten laufen immer darauf hinaus, daß alles vollständig und ohne Rest erklärt zu sein scheint: die maßlose Trunksucht des Komikers (weil es in seinen Hungerjahren in den Kneipen zu einem Glas Bier etwas zu essen gab); die groteske Angst, ohne Geld zu sein, und das manische Mißtrauen gegenüber Bankiers (Fields unterhielt, wie sich nach dem Tod erwies, etwa 700 Bankkonten in aller Welt); die aus den Hungerjahren stammende Sorge ums Essen (ganze Zimmer seines Hauses waren vollgestellt mit Konservendosen, in einem Schlafzimmer fanden sich 700 Kasten Bier); Menschenhaß und Unglaube („Wo war Gott, als mein Vater mich verdrosch?“), die totale Familienfeindlichkeit (Fields ging „mal eben“ zum Briefkasten und kehrte jahrelang oder überhaupt nicht mehr zu seiner Familie zurück).

Mit elf Jahren soll er seinen Vater niedergeschlagen haben und davongelaufen sein, ein Vagabund, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, der beste Jongleur seiner Zeit zu werden und nie mehr Hunger (und Durst) zu leiden. Das alles wurde erfüllt, und noch mehr. Auf Jahre des Ruhms in den Varietés Amerikas und Europas folgte der Ruhm im Kino – Amerikas; Europa blieb, außer England, dem Komiker Fields lange verschlossen. In der Fields-Legende, die des Komikers Biographen in barer Münze verkaufen, liegt alles offen zutage. So offen, so klar, so von Fields selbst analysiert, daß sein Leben wie ein einziger Widerspruch zur Erkenntnis erscheint und als habe Fields keinen größeren Ehrgeiz gekannt, als das massige und massive Fleisch zu sein, das der Psychoanalyse Hohn spricht, die inkarnierte Negation des Sigmund Freud.

Ein amerikanischer Traum, eine amerikanische Legende – und doch der Widerspruch von allem, was sich Amerika unter „Amerika“ vorstellen möchte, was ihm unter „Amerika“ vorgestellt wird. Gewiß, in der Fields-Legende erfüllen sich amerikanische Leitvorstellungen und Hoffnungen – aber jedesmal so absurd, verzerrt und pathologisch, daß es keine brachialere Kritik an „Amerika“ geben könnte. Vielleicht ist das der tiefere Grund, warum der Filmkomiker Fields anders als der Jedermann Chaplin oder Langdon, Lloyd, Keaton oder Lewis so lange brauchte, auf dem europäischen Kontinent anzukommen. Erst in einer Gesellschaft, die „amerikanisch“ geworden ist, hat das Fields-Syndrom Chancen, ein Publikum zu finden, das an derselben Krankheit leidet.

Es gehört zu diesem Syndrom, daß sich Legende und Wirklichkeit decken, so freilich, wie sich Spruch und Widerspruch, wie sich Gewalt und Gegengewalt decken: sie sitzen im gleichen Raster. Und es gibt keinen Ausweg in die Veränderung; das macht die Neurosen. Ob Fields nun den spießigen und von Weib und Kindern ewig unterdrückten Pantoffelhelden mimt („The Pharmacist“, „It’s a Gift“), ob er mit Fleiß unliebenswürdig, widerlich, brutal erscheint („The Dentist“, „You Can’t Cheat an Honest Man“), ob er sich als gewaltiger Prahlhans, als tückisches Großmaul präsentiert („Million Dollar Legs“), ob er mit Wonne Haufen von Autos zu Schrott fährt (die Episode „The Auto in „If I Had a Million“), ob er die Familienidylle geradezu bösartig denunziert („The Bank Dick“) oder schließlich in seinem letzten Film („Never Give a Sucker an Even Break“) sich selbst und Hollywood persifliert – es macht keinen Unterschied, ob diese Filme, wie man ihnen nachgesagt hat, gar nicht mal sonderlich sublime Racheakte an der Wirklichkeit sind oder ob sich aus diesen Filmen erst die Wirklichkeit der Fields-Legende aufgebaut hat.

Die Legende vom Menschenfeind ist die Realität des W. C. Fields. Dieser Humor ist voller Verachtung, er ist subversiv und böse. Fields scheut sich nicht, feige und heimtückisch, gewalttätig, diebisch, gemein und verlogen zu sein. Er ist der Spießer, der die Normen seiner Gesellschaft akzeptiert, ihren Leitvorstellungen folgt – und sie durch Überverwirklichung deformiert. Wo der Bürger Fields versöhnlich wirkt, sei man auf der Hut. Peter Jansen