Die Kulturrevolution der Familie Tsung

von Barbara Coudenhove-Kalergi

Von Barbara Coudenhove-Kalergi

Sie ist eine kleine drahtige Person mit kurzen Zöpfen, einem vierjährigen Sohn und einem Germanistikdiplom der Pekinger Universität. (Als sie studierte, gab es noch Diplome.) Sie heißt Tsung Sung Tschien und begleitete als Dolmetscherin unsere Reisegruppe quer durch China. Shao Tsung – „jüngere Tsung“, wie wir sie nach chinesischer Sitte nennen – ist so höflich, daß sie die großen revolutionären Worte, die sie für uns Touristen übersetzen muß, lächelnd ein wenig unterspielt, damit keine Peinlichkeit aufkommt. Anders als die meisten Chinesinnen trägt sie statt der Mao-Kluft graue Flanellhosen und eine karierte Jacke, aber ihr tägliches Mao-Studium betreibt sie – frühmorgens vor dem Frühstück – auch während der Reise. Shao Tsung ist freundlich und gescheit, ohne eine Spur von Opportunismus, von grenzenloser Einsatzbereitschaft für ihre Sache, und sie hat sogar Humor.

Menschen ihres Typs habe ich auch in anderen kommunistischen Ländern getroffen – aber dort waren sie meistens in der Opposition. Shao Tsung ist nicht in Opposition, sondern gehört zu den leitenden Kadern. Sie ist 32.

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Ich hatte Shao Tsung gefragt, wie sie seinerzeit die Kulturrevolution erlebt habe. Übrigens gibt dieses Wort den Sachverhalt – die Änderung des Bewußtseins eines ganzen Volkes – nur sehr unvollkommen wieder. Immer wieder waren wir unterwegs auf die Auswirkungen dieses gewaltigen Ereignisses gestoßen: in Volkskommunen und Betrieben, Schulen und Universitäten. Aber wie mag es wirklich gewesen sein? Wie hatte wohl die Kulturrevolution das Leben einzelner Menschen beeinflußt? Meist bekam ich auf diese Frage nur ganz allgemeine Antworten. Chinesen, darin den Engländern ähnlich, reden ungern über persönliche Dinge, Shao Tsung aber erzählte: „In unserer Familie hat es damals eine Spaltung gegeben. Ein Jahr lang haben mein Vater und meine Brüder miteinander nicht gesprochen.“ Während einer langen Eisenbahnfahrt erzählte sie mir, wie der große Aufbruch des chinesischen Volkes auf die Familie Tsung in Tschangscha in der Provinz Hunan gewirkt hat.

Die Tsungs stammen ursprünglich aus Nanking. Als aber in Tschangscha, der Hauptstadt von Maos Heimatprovinz, das neue Elektrizitätswerk gebaut wurde, suchte, man im ganzen Land erfahrene Facharbeiter als Stammpersonal für den neuen Betrieb, Vater Tsung, ein alter Kommunist, ist Elektroarbeiter. Er ließ sich prompt nach Tschangscha versetzen und spielte von Anfang an eine angesehene Rolle in der lokalen Parteiorganisation.

Als die Kulturrevolution ausbrach, war er zunächst ganz entsetzt. Damals begann die Bewegung der Tatsebaos, der Wandzeitungen mit den großen Buchstaben, auf denen jedermann seine Kritik an dem „Renegaten“ Liu Schao Tschi sowie an Parteiführung und Obrigkeit zum Ausdruck brachte. Die „Machthaber, die den kapitalistischen Weg gehen“, wurden überall entlarvt: Leute, die persönlichen Aufstieg vor den „Dienst am Volk“ stellten, die Wirtschaft vor die Politik, die materiellen vor die moralischen Anreize, die Nachahmung kapitalistischer Methoden vor deren Überwindung. In Tschangscha ging es konkret unter anderem darum, ob hochwertige Maschinen aus dem Ausland importiert (der „revisionistische“ Weg) oder primitive Maschinen in Eigeninitiative hergestellt (der „revolutionäre“ Weg) werden sollten.

Auch im E-Werk tauchten die Tatsebaos auf. „Mein Vater“, sagt Shao Tsung, „hat immer gesagt: Diese jungen Taugenichtse sollen lieber arbeiten, statt zu kritisieren. Sie ruinieren noch die ganze Partei.“ Als besonders schlimm empfand er die Tatsache, daß sein eigener Sohn – Shao Tsungs jüngerer Brüder, ebenfalls Arbeiter im E-Werk – zu den leidenschaftlichsten Kritikern gehörte.

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