Von Hartmut Jäckel

Die Entscheidung des Berliner Senators Stein, dem belgischen Sozialisten Ernest Mandel eine Professur an der Freien Universität zu verweigern, haben seine Kritiker als besonders widerwärtiges Exempel einer politischen Disziplinierung der Universität durch den Staat verdammt. Doch wer von Senator Stein verlangt, er solle sein Nein rückgängig machen, mutet ihm zu, sich gesetzwidrig zu verhalten, denn er darf zum Beamten nur solche Bewerber berufen, an deren Verfassungstreue keine begründeten Zweifel geäußert werden, die sich dann freilich widerlegen oder doch mildern lassen.

Erst dort, wo schwerwiegende Zweifel nicht zu zerstreuen sind oder ein Bewerber gar jenseits solcher Zweifel offen zu bekämpfen trachtet, wofür er jederzeit eintreten soll – erst dort wird aus einer Routinesache ein „Fall“.

Es bedarf keiner Gesinnungsschnüffelei, um festzustellen, daß Ernest Mandel insoweit selbst jeden möglichen Zweifel ausgeräumt hat. Als Funktionär der IV. (trotzkistischen) Internationale hat er immer wieder entschieden die revolutionäre Umgestaltung der gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse in den kapitalistischen Ländern gefordert. Der Begriff der „Revolution“ und des „revolutionären Bewußtseins“ ist bei Mandel so zentral, daß sich unglaubwürdig macht, wer in seinem Plädoyer für den Nicht-Berufenen diese Kategorie und diesen Impetus mit Stillschweigen übergeht.

Dies tut zum Beispiel Harry Ristock, Mitglied des Berliner SPD-Landesvorstands und der „Vereinigten Linken im Donnerstagskreis“, der im Namen seiner politischen Freunde eine Erklärung zum „Fall Mandel“ abgegeben hat. Auf das, was Mandel vorgehalten wird – seine politischen Ziele im Wege der Revolution verwirklichen zu wollen –, geht Ristock mit keiner Silbe ein. Statt dessen heißt es in seinem wortreichen Protest: „Die Überwindung der derzeitigen Wirtschaftsstruktur auf den durch das Grundgesetz vorgezeichneten Wegen ist grundgesetzkonform und nicht grundgesetzwidrig.“ Sehr wahr, nur trägt die Feststellung solcher Selbstverständlichkeiten wenig zur Klärung des aktuellen Streits bei.

Nach allem, was wir von Ernest Mandel wissen und lesen können, ist die Annahme, er strebe die von ihm für notwendig erachteten Systemveränderungen „auf den durch das Grundgesetz vorgezeichneten Wegen“ an, ganz und gar unbegründet. Man nehme, um nur seine jüngsten und jedermann zugänglichen Schriften zu nennen, einmal folgende Veröffentlichungen zur Hand:

  • „Die Lehren vom Mai 1968“ (in: Glucksmann, Gorz, Mandel, Vincent: „Revolution Frankreich 1968. Ergebnisse und Perspektiven“, Frankfurt a. M. 1969);
  • „Lenin und das Problem des proletarischen Klassenbewußtseins“ (in: „Lenin. Revolution und Politik“, Frankfurt a. M. 1970, edition suhrkamp Nr. 383);
  • „Die Strategie der Übergangsforderungen“ (in: H. Bussiek/Hrsg.: „Wege zur veränderten Gesellschaft. Politische Strategien“, Frankfurt a. M. 1971, Fischer Taschenbuch Nr. 1205).