Der kommunistische Aufstand in Hamburg 1923 war der letzte Versuch einer bewaffneten sozialistischen Revolution in Deutschland. Wie er ausbrach, ist bis heute nicht ganz geklärt. Soziale Unruhen, Lohnstreiks, Hungerdemonstrationen gab es seit 1918. Gegen die KP in den Landesregierungen von Sachsen und Thüringen wurde bereits die Reichswehr eingesetzt. Die Verhandlungen der KPD im Herbst 1923 mit anderen Arbeiterorganisationen über einen Generalstreik scheiterten; der Kurier nach Hamburg kam jedoch zu spät.

Ein Wochenschauteam der Berliner Film- und Fernsehakademie (Klaus Wildenhahn, Gisela Tuchtenhagen, Reiner Etz) hat die Veteranen von 1923 ausfindig gemacht und mit ihnen, über sie und über den Aufstand eine gut zwei Stunden lange Dokumentation gedreht: „Der Hamburger Aufstand 1923.“ Sie läuft seit einiger Zeit vor ausverkauften Häusern in verschiedenen unabhängigen Spielstellen.

Historische Photographien, die heutige Geographie von Hamburg-Barmbek, Erinnerungen und Biographien der Beteiligten und ihre Konfrontation mit ehemaligen Schauplätzen sind geschickt miteinander verbunden. Zu den Kamerafahrten entlang der Hochbahn, den alten Straßenzügen und Fassaden werden die etwas poetischen Texte der russischen Journalistin Larissa Reissner, Passagen aus amtlichen Berichten, aus Büchern und Notizen gelesen. Der Film beschwört Vergangenheit und kommentiert indirekt zugleich die politische Gegenwart.

Den breitesten Raum nehmen Statements und Gespräche der alten Kommunisten ein. Dabei geschieht etwas Erstaunliches: Diese Menschen, heute alle über sechzig, sind auf eine so vitale und eindringliche Weise präsent, sie sind so intensiv und unverkrampft aufgenommen, daß man glaubt, ihnen unmittelbar gegenüberzusitzen, daß man ihnen immer faszinierter zuhört. Man lernt dabei eine der bösesten Unsitten des Fernsehens hassen, nämlich die Reduktion der Originalaussage zur vorfabrizierten leeren Phrase und zum Ruckzuck-Geschnibbel, zum austauschbaren Glied einer immer schon feststehenden Argumentationskette.

Wildenhahn und sein Team dagegen lassen den Gesprächspartnern Zeit und Freiheit. Man beginnt Gesichter zu studieren, sich in Lebensgeschichten zu versetzen; Schicksale werden plastisch und bleiben zugleich historischer Beleg und Filter für politische Erkenntnisse. Eine nüchterne Weisheit geht von diesen Gesichtern aus, erstaunlich präzise, klare und realistische Ansichten, eine sympathische, schlichte Überzeugungskraft.

Und noch etwas wird deutlich: Nie zitieren oder agitieren diese Frauen und Männer, nie werden sie fanatisch oder dogmatisch. Der Kommunismus war und ist für sie keine Heilslehre oder Ideologie, sondern eine natürliche, konkrete Forderung; der Klassenkampf kein theoretisches Konzept, sondern eine private, alltägliche Erfahrung, die sie ohne Pathos, Anklage oder Aggression formulieren, ohne Märtyrerpose oder den modischen Revolutionsjargon. Diese Erfahrung hieß für sie Hunger, Streik, Prozesse, Gefängnis, Konzentrationslager und ein Leben lang harte Arbeit.

Der Film erhellt nicht nur ein in den Geschichtsbüchern noch immer verwaschen dargestelltes historisches Ereignis. Er korrigiert auch das Verfahren vieler linker Filmmacher, die im Arbeiter immer nur das Objekt arroganter Belehrung oder das fiktive Wundertier einer erstrebenswerten Solidarisierung von Intellektuellen und Werktätigen sehen können. Wildenhahn dekuvriert, ohne daß dies sein Vorsatz wäre, jene filmischen Gebetsmühlen und sozialistischen Pflichtstücke, die man auf jedem Festival sehen kann, als wahrhaft inhuman und von verknöcherter Abstraktheit. Denn denen fehlt, was sich hier automatisch einstellt: Ehrlichkeit, Menschlichkeit und Glaubwürdigkeit.