Von Martin Greiffenhagen

Der Begriff des Totalitarismus hat sich heute allgemein durchgesetzt. Die Enzyklopädien führen ihn sämtlich auf. In den Fachlexika und Textbüchern der Politikwissenschaft fehlt er nicht. Die Lehrbücher zur Sozialkunde verwenden ihn. Die Kultusministerkonferenz beschloß eigens „Richtlinien für die Behandlung des Totalitarismus im Unterricht“.

Dieser allgemeinen Verbreitung des Begriffes entspricht jedoch keine eindeutige Definiertheit. Auch fehlt den Theoretikern, die sich mit ihm befassen, das Vertrauen in die Möglichkeit einer solchen definitorischen Klärung. Obwohl es zu Beginn der sechziger Jahre eine Reihe von Ansätzen gab, einen Bezugsrahmen für Gegenstand und Begriff des Totalitarismus zu schaffen, so gilt heute immer noch, was Otto Stammer 1961 schrieb: es gebe bisher keine geschlossene Theorie des Totalitarismus, und man rücke von einem idealtypischen Modell des Totalitarismus zugunsten von Begriffen im Dienste einer begrenzten Theorie mittlerer Reichweite ab. Auch der von Peter Christian Ludz 1964 unternommene soziologische Versuch einer Begriffsklärung ging von der Feststellung aus, daß der Totalitarismusbegriff bisher nicht ausgereift sei.

Inzwischen liegt eine Fülle von Einzeluntersuchungen zum nationalsozialistischen und kommunistischen Herrschaftssystem vor. In allen diesen Untersuchungen wird das Wort „totalitär“ verwandt. Und doch gilt immer noch, was Martin Drath schon 1958 in seiner berühmt gewordenen Einleitung zu Ernst Richerts DDR-Buch „Macht ohne Mandat“ schrieb: „Je mehr die Arbeiten über ein totalitäres System, das unbedenklich als solches betrachtet werden darf, in die Tiefe und in die Breite wachsen, um so dringender wird die ausdrückliche theoretische Klärung der Frage, was als ‚totalitär‘ aufzufassen ist.“

Das ist eine mißliche Situation. Die tägliche Rede von Totalitarismus, totalitärem Staat, totalitären Regimen macht vergessen, daß vielleicht keines der heute in der politischen Realität antreffbaren politischen Systeme mit solchen Begriffen einzufangen ist. Das aber könnte sich auf die praktische Politik verhängnisvoll auswirken. Wer im politischen Alltag. inadäquate Begriffe als Kampfparolen verwendet, bindet sich unter Umständen die Hände. Der Totalitarismusbegriff hat jedenfalls bisher den Charakter eines politischen Kampfbegriffes gehabt.

Das autoritäre NS-Reich

Unter allen Definitionen des Totalitarismus ist die diskutabelste und seither am meisten diskutierte die Bestimmung, welche Martin Drath im Sinne eines „Primärphänomens“ gibt: „Daß er gegenüber den in der Gesellschaft herrschenden Wertungen ein ganz anderes Wertungssystem durchsetzen will, unterscheidet den Totalitarismus vom Autoritarismus. Er beruft sich hierauf nicht nur nebenher, sondern er tut es, um sich gerade dadurch Anhänger zu verschaffen und zu legitimieren. Die Verwirklichung einer auf diesem neuen Wertungssystem beruhenden und deshalb von den herrschenden gesellschaftlichen Werthaltungen radikal abweichenden Ordnung ist das Ziel des Totalitarismus. Deshalb ist Totalitarismus regelmäßig mit einer neuen sozialen Ideologie verbunden; während der Autoritarismus auch in dieser Hinsicht eher konservativ ist, ist der Totalitarismus in dieser Hinsicht eher betont revolutionär.“