Wer hat Angst vor Ideologien?
Sie sind der Kompaß für jede Politik
Von Rolf Zundel
Trotz des harten politischen Kampfes in der Bundesrepublik gibt es eine Übereinstimmung zwischen den Parteien, die in der Regel in einem Verdammungsurteil zum Ausdruck kommt: Ideologien verderben die Politik. Ideologien, so lautet das gängige Urteil, verblenden ihre Erfinder und Gläubigen; sie unterminieren, weil sie in Gestalt von Heilslehrern auftreten und die politischen Mittel als bloße Funktion des Zwecks definieren, die Regeln zivilisierten Umgangs; sie zerstören die Toleranz. Die Schlußfolgerung lautet denn auch meist: Schützt die Gesellschaft vor den Ideologien.
Vor welchen Ideologien soll die Gesellschaft geschützt werden? Die jeweilige Antwort: Vor den Ideologien der anderen. Wer immer Ideologiekritik betreibt – das eigene Vorurteil wird nie in Frage gestellt. Wissenschaftliche Erkenntnis und Wirklichkeitssinn haben die Kritiker gepachtet; verblendet entweder durch Gewöhnung an die bestehende Ordnung oder verführt durch Wunschvorstellungen einer künftigen Gesellschaft sind immer die Gegner. Sie haben das falsche Bewußtsein.
Politiker, die über ihre eigenen Vorstellungen reden, setzen Werte und haben Ideen. Sprechen sie über die Vorstellungen der Gegner, so sind es Ideologien, die gebrandmarkt werden. Auch die Parteien der Bundesrepublik machen da keine Ausnahme. Die Union wirft den Sozialdemokrat ten vor, sie gehen vor den Ideologien der Neuen Linken in die Knie, die SPD tadelt die CDU/CSU, weil sie ihre ideologischen Eiferer zu Wort kommen lasse oder deren Vokabular benütze. Und SPD wie Union sind über den Vorwurf, der ihnen da gemacht wird, gleichermaßen empört.
Definiert man politische Ideologie als relativ geschlossene Theorie einer richtigen politischgesellschaftlichen Ordnung, dann gibt es freilich in der Bundesrepublik nicht viel, was diesem Anspruch gerecht wird. Allenfalls an den radikalen Rändern des politischen Spektrums sind geschlossene Ideologien zu finden. Und selbst diese Feststellung gilt nur mit Vorbehalt. Die Linken aus der marxistischen Schule haben zwar ein einigermaßen durchkonstruiertes Gedankengebäude, auf der Rechten dagegen gibt es eigentlich nur ein Bündel von Vorurteilen.
Da außerdem die rechten Ideologen meist die bestehende Ordnung rechtfertigen, die linken dagegen eine neue Gesellschaft verkünden, also die radikale Veränderung propagieren, sind die linken Ideologen viel leichter erkennbar. Deshalb ist in der Bundesrepublik fast ausschließlich von linken Ideologien die Rede. Links und Ideologie wird gleichgesetzt. Die SPD hat es deshalb ungleich schwerer als die Union, sich gegen den Verdacht zu wehren, sie werde ideologisch unterwandert.






