Die Väter des Grundgesetzes haben die Autorität des höchsten Staatsamtes im Rückblick auf die Weimarer Republik streng von der Ausübung politischer Macht getrennt.

Das Staatsoberhaupt soll bei der Vollziehung seiner repräsentativen Aufgabe nicht in Versuchung geraten, die Exekutive für sich in Anspruch zu nehmen. Er soll nicht Partei werden, sondern sich mit dem Staate als Ganzem identifizieren. In dieser Aufgabe des Staatsoberhauptes liegt der eigentliche Sinn seiner Repräsentation, die ihm über sein Amt hinaus moralische Autorität verleiht. Die Wahrung dieser Autorität verbietet es dem Staatsoberhaupt, machtpolitisch zu intervenieren, denn das hieße Partei zu ergreifen. Er ist weder Exponent politischer Mehrheiten noch Anwalt dissentierender Minderheiten.

Und weil diesem Amte keine politische Macht zukommt, kann von ihm eine besondere Integrationswirkung ausgehen, kann sich in ihm die Persönlichkeit seines Inhabers zu einer Autorität entfalten, wie sie gerade die moderne Massendemokratie und der Parteienstaat brauchen.

Es ist deshalb eine glückliche Lösung, daß die Amtseinführung des Bundespräsidenten erst geraume Zeit nach seiner Wahl stattfindet. Denn die Wahl des Bundespräsidenten ist ein Akt der politischen Willensbildung, sie geschieht und sie muß geschehen in der Konkurrenz der politischen Parteien. Aber wer dieses Amt gewinnt, verliert damit seine Parteilichkeit, und Freunde und Gegner brauchen Zeit, um die Distanz zu gewinnen, die der Respekt vor dem Staatsoberhaupt verlangt.

Der Präsident der Bundesrepublik ist als Staatsoberhaupt der erste und vornehmste Bürger der deutschen Demokratie. Er steht für alle, die sich in diesem Staate engagieren. Was er sagt, muß den Respekt der Regierung, der Parteien und der öffentlichen Meinung verdienen. Seine Warnungen und seine Empfehlungen sollen einen hohen Grad moralischer Verbindlichkeit gewinnen. Gerade mit dieser Bürde informeller, notwendigerweise oft ganz persönlich gefärbter Verpflichtungen verbindet sich unsere Hoffnung für das Gelingen seiner Aufgabe.

Aus der Rede des Bundestagspräsidentenzur Amtsübergabe Lübkes an Heinemann, 1, Juli 1969