Was hinter Hanois Offensive steckt

Von Andreas Kohlschütter

Vietnam wird kein Wahlkampfthema sein, weil wir das amerikanische Engagement vorher beendet haben werden.“ Dieses selbstbewußte Versprechen gab Präsident Nixon im Dezember vergangenen Jahres. Es scheint angeschlagen, seitdem Hué und auch Saigon in den Gefahrenbereich der unerwartet massiven Osteroffensive von General Giaps kommunistischen Divisionen geraten sind und amerikanische B-52-Bomber nach über vier Jahren Pause erstmals wieder Nordvietnam angreifen.

Der Präsident hüllt sich in Schweigen, seine Umgebung gibt sich gelassen. Hinter der diplomatischen Verärgerung vorgeschickter offizieller Sprecher über die nordvietnamesische „Invasion“, die „flagrante Verletzung der Genfer Abkommen“ und die sowjetische Schützenhilfe für Hanoi verbirgt sich aber amerikanische Ratlosigkeit. Sie gipfelte in der fadenscheinigen Behauptung, Washington halte sich zur Bewältigung dieser jüngsten Vietnamkrise „alle Optionen offen“.

Dadurch wird nichts geklärt, sondern im Gegenteil Entscheidendes vernebelt. Tatsache ist, daß dem Präsidenten nur noch wenige Optionen offenstehen. Von vornherein kann ausgeschlossen werden, daß Nixon, der als Staatsmann einer „Ära der Verhandlungen“ in die Geschichte eingehen möchte, in Vietnam zu Nuklearwaffen greift. Ausdrücklich zurückgewiesen wurde bereits auch der Einsatz der in Südvietnam noch verbliebenen 7000 Mann amerikanischer Kampftruppen oder gar eine Rückführung bereits abgezogener Einheiten. Das Weiße Haus hält an seinen Abmarschplänen fest: Bis zum 1. Mai soll das GI-Kontingent auf 69 000 Mann zusammengeschrumpft sein. Auch die Wiederbelebung der von Washington eben erst abgebrochenen Pariser Verhandlungen erscheint unter dem anhaltenden Druck der nordvietnamesischen Erpressung auf dem Schlachtfeld nicht sehr wahrscheinlich.

Der Weg zur Re-Eskalation ist Nixon angesichts der weltpolitischen und wahlpolitischen Zwänge versperrt. Daran wird auch die Ausweitung des mit allen moralischen und militärischen Hypotheken der Johnson-Jahre belasteten Bombenkrieges nichts ändern. Nixon bleibt nichts anderes übrig, als nun auch noch die bitterste Strecke des Rückweges aus Vietnam hinter sich zu bringen.

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