ZDF, Samstag, 8. April: „Der Fuchs von Paris“

Das Leben schreibt Geschichten, sagt man, Geschichten, wie man sie besser und eindrucksvoller gar nicht erzählen könnte. Hübsche Geschichten, böse Geschichten, solche mit gutem Ausgang und andere mit weniger gutem.

Auch das deutsche Fernsehen schreibt Geschichten. Eine davon wurde am Samstagabend im Zweiten Programm erzählt.

Unter dem Titel „Der Fuchs von Paris“ lief da ein Film, den man früher unter der Rubrik „Vergangenheitsbewältigung“ einzuordnen pflegte. Ein deutscher General, der für den Fall einer alliierten Invasion unnötiges Blutvergießen vermeiden möchte, leistet Widerstand. Über einen deutschen Offizier, der sein Neffe ist, spielt er dem Kriegsgegner die deutschen Verteidigungspläne für den Tag X zu – in der Hoffnung, diese würden geändert, wenn sie dem Feind einmal bekannt seien. Das Vorhaben geht schief, die Pläne werden nicht geändert. Auf der Strecke bleibt der deutsche Offizier, der das Spiel unwissentlich mitspielte und erst in der Todeszelle der Gestapo über seine wahre Rolle aufgeklärt wird. Ein Anti-Kriegs-Film also, ein Widerstandsfilm, ein ganz normaler Film, sozusagen.

Erst der Schluß bringt zusätzliche Dimensionen. Wir sehen den Helden (Hardy Krüger) in seiner Zelle, eine Stunde noch bis zur Hinrichtung, der Pfarrer kommt, ein Wehrmachtspfarrer, Uniform, Kragenspiegel, ein Kreuz umgehängt, aber er sagt nichts, steht nur am Fenster, hört zu, was der zum Tode Verurteilte noch zu sagen hat. Auch der sagt nicht viel, keine großen Reden gegen den Krieg, gegen die Ungerechtigkeit und gegen die konzentrierte Sinnlosigkeit, die in diesem Augenblick deutlich wird; nichts eigentlich, was ein Mensch in dieser Situation im Kino vielleicht sagen könnte. Er stellt nur mit seltsam verwirrtem Nachdruck fest, daß „irgend etwas; ungeheuer verkehrt läuft, mit den Menschen, mit dem Krieg, mit allem...“

Dann folgen nur noch wenige Bilder. Der Gefangene wird in einen Hof geführt, von unten nach oben, eine großartige Regie, ein Erschießungskommando zieht auf, ein Gestapo-Offizier, eine letzte Frage, ein letztes Wort. Draußen vor der Gefängnismauer, eben im Morgengrauen, eine Frau, Französin, auch sie in das Spiel verwickelt, doppelt verwickelt, Krieg und Liebe, Sinnlosigkeit zwischen den Fronten, eine fast Rilkesche Weise, Liebe, Tod und Krieg. Dann fallen die Schüsse, eine kurze Salve, ein schneller Tod jenseits der Mauer, das Spiel ist vorbei. Ein Gastwirt auf der Straße stellt seine Stühle auf und wundert sich über eine einzelne Frau, die zusammengesunken an jener Mauer lehnt. Ein kurzer Dialog, das Leben geht weiter, geht unbeachtet am Leben vorbei, Schluß...

Schluß? Genau fünf Sekunden blieb der Bildschirm dunkel, dann kam die Apotheose: der Nachrichtensprecher erschien, wünschte einen Guten Abend und sagte seinen ersten Satz. Er lautete: „Präsident Nixon hat der südvietnamesischen Regierung die Unterstützung durch schwere Artillerie und Bomber vom Typ B-52 zugesagt...“ Es war wie eine zweite Erschießung in diesem Augenblick; man saß da, empört, ungläubig, voller ohnmächtigen, sinnlosen Zorns.

Krasser und deutlicher konnte die Unsinnigkeit der Geschichte und überhaupt aller Geschichten kaum gezeigt werden als in dieser einzigen, kurzen Minute am Samstagabend im Zweiten Deutschen Fernsehen. Georg Afanasjew