Zwölf Tage nach seinem Beginn hat sich der Vormarsch der nordvietnamesischen Invasionstruppen merklich verlangsamt und ist – wie Saigon behauptet – sogar gestoppt worden. Die anfänglich fluchtartige Absetzbewegung der Südvietnamesen ist beendet; die Regierung schöpft wieder Hoffnung, die „entscheidende Schlacht“ – so wird die Invasion in Nord- wie in Südvietnam bezeichnet – zu ihren Gunsten wenden zu können.

Dennoch bleibt die Lage für Saigon trotz massiver amerikanischer Lufthilfe (rund 700 Maschinen starten von vier Trägern – ein fünfter ist zum Kriegsschauplatz unterwegs – und von Basen in Thailand und Südvietnam aus) gefährlich. Zur Entlastung nahmen die USA am Donnerstag nach vier Jahren Unterbrechung die Bombardierung Nordvietnams wieder auf. Saigon mußte unter dem Druck der rund 54 000 angreifenden Nordvietnamesen und Vietcong bereits Teile des militärischen Verwaltungspersonals mobilisieren.

Im Norden tobten zu Wochenbeginn heftige Kämpfe um die Provinzhaupt-Stadt Quang Tri. Vorhuten stehen etwa zehn Kilometer vor der Stadt. Amerikanische Kreuzer und Panzer griffen in die Kämpfe ein, bei denen Hanoi über 40 Panzer verloren haben soll. Selbst die völlig zerstörte Stadt Dong Ha befindet sich noch in der Hand der Regierungstruppen. Die aus Laos vorstoßenden Truppen in Stärke von etwa drei Divisionen näherten sich Hué, blieben aber vor zwei Artilleriestützpunkten liegen, Beide Angriffskeile leiden unter Nachschubschwierigkeiten, da sich die US-Luftangriffe auf die Verbindungslinien nördlich und südlich der entmilitarisierten Zone konzentrieren.

Im zentralen Hochland intensivierten die Angreifer (mehr als zwei Divisionen) ihr Feuer auf die Ortschaften unmittelbar westlich von Kontum und Dac To konnten aber das Vormarschtempo der ersten sechs Tage trotz Einnahme von zwei Stützpunkten nicht beibehalten.

An der dritten Front nördlich von Saigon entlang der Bundesstraße 13 nach Kambodscha mußten Saigoner Truppen am Freitag die Bezirksstadt Loc Ninh räumen. Die südlich davon gelegene Stadt An Loc (96 Kilometer von Saigon entfernt) wurde eingeschlossen; nach einem Entlastungsangriff von 20 000 Mann Regierungstruppen zogen sich die Nordvietnamesen am Dienstag in Richtung Kambodscha zurück.

Im Mekongdelta eröffneten Truppen Hanois – hier gegenüber den Vietcong erstmals in der Minderzahl – eine vierte Front. Die nach Südosten vorstoßenden Einheiten errangen beachtliche Überraschungserfolge. Sie bedrohten zu Wochenbeginn mehrere Basen. Am Mittwoch traten sie auch in Kambodscha zum Angriff an.

Washington hat im Laufe der verflossenen Woche seine Luftstreitkräfte verstärkt und Südvietnam weitere Hilfe zugesagt. General Lavelle, Oberbefehlshaber der 7. US-Luftflotte und Verantwortlicher für den Luftkrieg über Vietnam, wurde am Wochenende überraschend abgelöst.

Saigons Bitten um Einsatz von Bodentruppen lehnte Präsident Nixon jedoch ab. Die USA bleiben bei ihrem Abzugsplan, obwohl ein Sprecher des Weißen Hauses behauptete, der Präsident halte sich angesichts der „sehr ernsten“ Lage „alle Optionen offen“. Amerikanische Bodentruppen sind bislang nicht in die Kämpfe verwickelt worden.