Von Horst Bieber

Zwei Morde an einem Tag haben die ohnehin gespannte Lage in Argentinien verschärft und erneut das Schreckgespenst einer Militärdiktatur nach brasilianischem Vorbild heraufbeschworen. Am Montag umstellte die Polizei in Villa Lugano, einem Vorort der Hauptstadt Buenos Aires, das Versteck des am 21. März entführten Fiat-Concorde-Generaldirektors Oberdan Sallustro. Nach einem Schußwechsel stürmte sie das Haus und fand die Leiche des 56jährigen Industriellen. In Rosario fiel der Befehlshaber der zweiten Armee, General Juan Carlos Sanchez, einem Attentat zum Opfer. Für beide Anschläge übernahm die linksextreme „Revolutionäre Volksarmee“ (ERP) die Verantwortung.

Entführungen, Attentate und Überfälle der auf knapp 6000 Mann geschätzten Untergrundorganisationen gehören in Argentinien zur Tagesordnung. Nicht nur linke, auch rechte Gruppen, die sich als Anhänger Peróns, des im Madrider Exil lebenden Ex-Diktators, bezeichnen, haben Morde auf ihrem Sündenkonto. Für Präsident Lanusse aber ereigneten sich die jüngsten Zwischenfälle in einer Zeit delikater innenpolitischer Manöver.

Wirtschaftlich ist das Militärregime am Ende. Die Preise stiegen 1971 um mehr als die Hälfte und im ersten Vierteljahr 1972 nochmals um 20,9 Prozent. Als die Regierung die Strompreise kräftig anhob, kam es in den Provinzen Mendoza und San Juan zu schweren Unruhen. Das Militär, Einheiten der zweiten Armee, griff hart durch; es gab mehrere Todesopfer. Lanusse ließ zahlreiche Gewerkschaftsführer festnehmen.

Dies war eine unsinnige Maßnahme. Gerade die Gewerkschaften, noch immer zum größten Teil peronistisch gesonnen, hatten auf Befehl aus Madrid ihre Aktivitäten gedrosselt, um die angebahnte Verständigung Lanusses mit Perón nicht zu stören. Sie hatten auf einen bereits vorbereiteten Generalstreik verzichtet und hingenommen, daß Buenos Aires Lohnerhöhungen verweigerte und sie auf spätere Termine vertröstete.

Jetzt hat sich Lanusse die peronistischen Gewerkschaften wieder zu Feinden gemacht. Die Rückkehr zur Demokratie, die für den ehrgeizigen Politiker nach sechs Jahren erfolgloser Militärherrschaft zu einer Notwendigkeit geworden ist, erscheint nahezu aussichtslos. Denn ein demokratisches System kann in Argentinien, wie die vergangenen 17 Jahre beweisen, nicht gegen den Willen des Peronismus errichtet werden.

Um, wie geplant, im Mai 1973 Wahlen auszurichten, braucht Lanusse, der gern selber zum Präsidenten gewählt werden möchte, also die Hilfe Peróns. Verbal bekämpfen sich die beiden Politiker noch; insgeheim haben sie jedoch längst Fäden gesponnen. So sorgte die Regierung dafür, daß alle juristischen Hindernisse für eine Rückkehr des 1955 vertriebenen Diktators beseitigt wurden. Dennoch ist nicht damit zu rechnen, daß Perón bei den Wahlen mit Lanusse gemeinsame Sache machen wird. Er einigte sich vielmehr mit einem anderen ehrgeizigen Politiker, Expräsident Frondizi, auf die Bildung einer „Nationalen Front“. Mit dieser Taktik des politischen Kuhhandels sind nicht alle Arbeitnehmer einverstanden, die die Hauptlast der steigenden Preise bei stagnierenden Löhnen und wachsender Arbeitslosigkeit tragen müssen.