Von C.-Ch. Kaiser

Bonn, im April

So willkommen Heinz Ulrich Sahm, seit Beginn dieser Woche neuer Botschafter der Bundesrepublik in Moskau, dem Kreml auch sein mag – bis zur endgültigen Bundestagsentscheidung über die Ostverträge wird er zwischen Himmel und Hölle schweben. Niemals zuvor hat ein deutscher Diplomat seinen Posten unter solchen Voraussetzungen angetreten. Billigt das Bonner weites ment die Verträge, so wird sich Sahm ein weites Tätigkeitsfeld eröffnen; finden die Verträge nicht die nötige Mehrheit, wird er es schwer haben.

Das politische Bonn hat Sahm stets als ebenso liebenswürdigen wie zurückhaltenden Diplomaten erlebt. Solide und zuverlässig: das ist der beherrschende Eindruck, den der baumlange Sohn des ehemaligen Danziger Senatspräsidenten, Berliner Oberbürgermeisters und deutschen Gesandten in Oslo hinterläßt. Bestechend ist die Fähigkeit des 54jährigen gelernten Juristen, komplizierte Tatbestände bei aller Kenntnis der Einzelheiten in einfache und druckreife Formulierungen zu fassen.

Das wichtigste Kapital jedoch, das der gebürtige Bochumer nach Moskau mitbringt, besteht darin, daß sich sein Credo von der notwendigen und logischen Ergänzung der Westpolitik durch eine Ostpolitik in seiner Karriere auf das Genaueste widerspiegelt. Als Leiter des damaligen Sekretariats für den Schuman-Plan im Kanzleramt und später im Außenministerium hat er seit den frühen fünfziger Jahren mit Verve für die europäische Einigung gefochten. Nach verschiedenen Auslandsposten und einem Zwischenaufenthalt im Auswärtigen Amt übernahm er 1966 in der Zentrale die Leitung der Abteilung Ost-West-Beziehungen. 1969 berief ihn der frischgebackene Bundeskanzler Brandt als Ministerialdirektor an die Spitze des politischen Ressorts im Palais Schaumburg, das die Referate Auswärtiges, innerdeutsche Beziehungen, äußere Sicherheit und Verteidigung umfaßt.

Sahm war öffentlicher Aufmerksamkeit gewiß, als er im März 1970 nach Ostberlin fuhr, um das erste Treffen zwischen Brandt und Stoph vorzubereiten – eine schwierige Aufgabe. Der Weg nach Erfurt mußte durch den Schutt gebahnt werden, den die langen Jahre des kalten Krieges aufgetürmt hatten. Um das Beiseiteräumen von Hindernissen ging es auch bei den Verhandlungen zwischen Bahr und Kohl, die Sahm vorzubereiten und auszuwerten hatte. Seine ruhige Art, sein analytisches Talent und seine Nervenstärke haben auch auf die Ostberliner Eindruck gemacht.

Zu dieser Konsequenz und Glaubwürdigkeit der politischen Karriere kommt das Verhältnis der gegenseitigen Wertschätzung, wenn nicht Vertrauens hinzu, das den parteilosen Sahm mit Brandt schon seit dessen Jahren als Außenminister verbindet. Das gleiche gilt für das bisherige Gespann Bahr-Sahm. So wie der Kreml den exzellenten Deutschlandkenner Falin an den Rhein schickte, hat Bonn einen Mann der allerersten Garnitur nach Moskau entsandt.

Von der anvisierten Konferenz über europäische Sicherheit und Zusammenarbeit abgesehen, hält Sahm die Intensivierung der deutschsowjetischen Wirtschaftsbeziehungen für die zunächst wichtigste Aufgabe. Das gerade abgeschlossene Handelsabkommen unter Einbeziehung Westberlins hat die Voraussetzungen dafür erweitert. Doch fürs erste hängt vom Votum des Bundestags über die Ostverträge ab, in welche Richtung der Botschafter seine Aktivität konzentrieren wird. Heinz Ulrich Sahm erwartet die parlamentarische Entscheidung mit innerem Engagement, aber äußerlichem Gleichmut. Er meint, wiederum untertreibend: „Bisher hat man mir immer Posten mit Vollbeschäftigung gegeben.“