Bayerische Breitseiten gegen Barzel
Auf dem CSU-Parteitag las Strauß der CDU die Leviten / Von Eduard Neumaier München, Ende Mai
Egefesselt zu werden. Den Slogan für Edgar Wallaee auf Strauß anzuwenden, ist statthaft. Ein Teil der Faszination, die der bayerische Parteiführer ausstrahlt, teilt sich auch seiner CSU Gemeinde mit, und sie ihrerseits fasziniert ebenfalls: ihre Feinde, weil sie ihnen jeden Zwang zur Differenzierung erspart, ihre Freunde, weil sie so prächtig griffig ist, ihre Mitglieder, weil sie sich die Last kritischer Mitarbeit ersparen können, und die Parteitagsdelegierten, weil sie rundum verwöhnt werden.
kein Ausnahme: panem et circenses auf bayerisch, Brotzeit und Fußball, Gaudi im Hofbräuhaus und lustiges Holzhacken im sündhaft teuren Sheraton Hotel am Arabellapark, wo 700 Delegierte, der Troß und die Journalisten wohnten. Mit Kurzweil bedient, von Hotelkömfort zu Extrapreisen verwöhnt und durch starke Worte gestärkt, priesen manche das Unvergleichliche ihrer Partei: „Der große Konflikt, den andere Parteien mit sich austragen, findet im Kopf unseres Vorsitzenden statt "
Janus aus Rott am Inn — in einem solchen Kopf müssen Konflikte brüten. Dem gnadenlosen Nachweis des Bonner Koalitionsbankrotts fügte Strauß das mildtätige Angebot der Hilfe an. Der Beteuerung parteilicher Gemeinsamkeit in der Opposition folgten die Maulschellen für Rainer Barzel (Der Beschluß vom Dezember gilt noch", so eindeutig zweideutig in der Welt am Sonntag auf die Frage, ob Barzel unverändert Kanzlerkandidat der Union sei).
Daß es dabei zu Kurzschlüssen kam, konnte nicht ausbleiben, und wenn dieser jüngste Parteitag der CSU überhaupt einen Sinn hatte außer dem der christlich sozialen Heerschau, dann hatte er ihn bereits am ersten Tag erfüllt, als die sogenannten Podien tagten, Arbeitskreise, in denen von der Ostpolitik über die Vorschulerziehung bis zur Verbrechensbekämpfung das Weltbild der CSU beredet wurde und deren Ergebnisse mit einer Ausnahme dasselbe besagten: Die Bonner Regierung ist an allem schuld.
Im Podium Nr. 2 „Ostverträge — Gefahr für Sicherheit, Frieden und Einigung Europas?" hätte das Fragezeichen eingespart werden können, denn die Frage war sowieso These. Aber dort entlud sich, was im nachhinein zum Verständnis für die nicht eben konsequente Taktik der Union vor der Ratifizierung der Ostverträge beitrug: der Zorn des Parteivolkes über die CDU und auch über die CSU. Das Wort von Franz Josef Strauß: „Die CSU ist kein Schnellboot , sondern ein ziemlich langsamer Dampfer; es dau ert eine Weile, bis er die Kurve kriegt", bekam hier seinen Sinn. Barzels ja zu den Verträgen kam unvermutet, das schwere Fahrzeug reagierte nicht auf die blitzschnelle Drehung. Da wurde, obwohl nun auch die CSU mit den Vertragen leben muß, das ganze Unverständnis eines Parteivolkes ausgebreitet, das überall sein strikte Opposition gegen Willy Brandts Ostkurs verkündet hatte und noch immer nicht begreifen kann, daß es statt „ja" oder „nein" nun „na" oder „jein" sagen soll.
Vor dem Hintergrund dieser Stimmung, die den bayerischen Unionsabgeordneten während des Münchner Wochenendes entgegenschlug, wunderte einen nicht, daß Franz Josef Strauß die Rechtfertigung der oppositionellen Unhaltung langatmig und in dreifacher Version versuchte: Erstens in einem Aufsatz des Bayernkurier, der aber offensichtlich auch von den Parteiaktiven kaum gelesen wird; zweitens in einer rednerischen Wiederauflage dieses Aufsatzes am Samstag nachmittag und drittens am Sonntag in einem weiteren Zeitungsartikel.
CSU Parteitage sind, obwohl sie von einer regional begrenzten Partei veranstaltet werden, stets mit verblüifter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Und, als ob sie an diesem Interesse Gefallen hätte, bringt es die CSU in Wahljahren sogar auf drei solcher Treffen. Gelegentlich wird dabei auch über Landespolitik gesprochen, meistens aber über die Bundespolitik. Sie scheint, wenigstens seit Franz Josef Strauß Parteivorsitzender ist, und das sind nun elf Jahre her, ihr einziger Daseinszweck. Das übrige, so formulierte es heiter selbstkritisch ein CSU Bundestagsabgeordneter, „ist Folklore".
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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