Blei auch im Kohlequalm
Längst haben US Bürger erkennen müssen, daß das Blei in ihrer Luft kaum gesünder ist als das Blei in der Luft des Wilden Westens vor 100 Jahren. War damals jedoch die Frage, woher das lebensbedrohende Scnwermetall denn kommt, stets recht einfach zu beantworten, so gehen die Meinungen heute weit auseinander.
Zwar haben die Umweltschützer die Hauptbleiqueüe ausfindig gemacht: die Auspuffrohre der Autos — dort, wo das Antiklopfmittel Blei nach vollbrachter Arbeit ausgespuckt wird. Wie hoch jedoch der Anteil des Benzinbleis an der Gesamtmenge ist und woher das restliche Blei in der Luft kommt, ist noch umstritten.
Jetzt haben zwei US Umweltforscher vom Scripps Institution of Oceanögraphy in La Jolla (Kalifornien) einen Weg ausfindig gemacht, Blei von Blei zu unterscheiden. Dn Tsaihwä Chow und John Earl berichten in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Science" (Bd. 176; S. 510), daß es ihnen mit der Methode der Isotopenanalyse gelungen ist, Blei aus der zweitgrößten Schyermetall Sdimützquelle nach dem Autobenzin sicher nachzuweisen: Blei, das beim Verfeuern von Kohle freigesetzt wird.
Chow und Earl maßen den Bleianteil von 143 Kohlenproben aus den verschiedensten amerikanischen Lagerstätten. Dann wählten sie 21 Proben für die Isotopenanalyse aus. Als Basis für ihre Analyse dienten den beiden Forschern die Anteile verschiedener Bleiarten ( Isotopen). Blei mit dem Atomgewicht 206 ist das radioaktive Endprodukt der natürlichen Zerfallsreihe von Uran 238, radioaktives Blei 207 ist das Zerfallsprodukt von Uran 235. Außerdem maßen Chow und Earl den Anteil des relativ seltenen nichtradioaktiven Isotops Blei 204, dem leichtesten aller Bleiatome. Dann verglichen sie das Verhältnis von Blei 206 2u Blei 204 mit dem von Blei 206 zu Blei 207. Ergebnis: Der Anteil an radioaktivem Blei lag bei allen Kohlenproben höher als der Durchschnittswert für die kontinentale Erdkruste. Wie diese Schwermetallanreicherung zustande kommt, können Chow und Earl noch nicht sagen. Sie vermuten, daß geochemische Prozesse dabei eine entscheidende Rolle spielen — Prozesse freilich, die sich vermutlich stark von jenen unterscheiden, die zur Bildung anderer Erzlager führen.
Nachdem die beiden Scripps Wissenschaftler die Formel zur Unterscheidung von Blei aus verschiedenen Schmutzquellen gefunden, hatten, bestimmten sie den Anteil des Kohlebleis an der Gesamtbleimenge in der Luft. Nach offiziellen Schätzungen gelangten 1968 rund 184 000 Tonnen Blei in die amerikanische Luft. 181 000 Tonnen davon, so Chow und Earl, stammen aus der Verbrennung von Mineralölen. Nur 920 Tonnen gelangten dagegen durch die Schornsteine der Kohleöfen in die Luft.
Damit ist jedoch, wie die Bleidetektive glauben, noch lange nicht die Grenze der Isotopenanalyse als Fahndungsmittel für Umweltschützer erschöpft. Vielmehr können jetzt die Anteile der verschiedenen Verursacher erstmals präzise gemessen werden.
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- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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