Bremse für Chemie-Karrieren

Seit zwei Jahren nimmt der Überschuß an Chemikern bedrohlich zu

Schern leben oft in der Hoffnung, sie könnten in typischen Mangelberufen mühelos eine Blitzkarriere machen. Doch solche Hoffnungen erweisen sich schnell als Illusion. Nicht nur junge Diplom Physiker müssen, diese Erfahrung machen (vgl. ZEIT Nr. 4871). Auch die Chemiker stellen nach ihrem Studium häufig fest, daß die Konkurrenz bei der Besetzung guter Posten außerordentlich stark ist.

Vor yenigen Monaten wurden die Jungakademiker von der Schlagzeile erschreckt: „1980 jeder zweite Chemiker ohne Arbeitsplatz Diesen Warnschuß, gab der Verband angestellter Akademiker der Chemiscnen Industrie (VAA) ab. Bereits im November 1971 hatte er in seinem ten, die zur Zeit Anfänger bei der Stellensuche haben, dürften mit dem Ansteigen, der Konjunktur wieder verschwinden; jedoch weist der längerfristige Trend auf ein erhebliches Überangebot an Nachwoichschernikern hin "

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! Zwischen 1952 und 1964 war die Zahl der Studienanfänger im Fach. Chemie kontinuierlich gesunken. Dock seitdem verzeichnen die Hochschulen und Universitäten in der Bundesrepublik einen steilen Äufwärtstrend. Das veranlaßte die VAA zu ihrer pessimistischen Prognose: Wenn der Bedarf jedes Jahr um vier Prozent zunimmt, wird 1975 etwa ein Viertel aller Chemiker keine passende Stellung finden.

Die Diskrepanz zwischen Bedarf und Angebot wird sich noch weiter vergrößern. So errechnete die VAA für 1978 einen Überschuß von 70 Prozent. 1980 soll er gar auf 100 Prozent anwachsen — und das trotz des scharfen Numerus clausus an den chemischen Fakultäten. Hermann Bräunung von der VAA: „Zum Optimismus für unsere Berufsaussichten verleiten diese:Zahlen nicht!" £ar nicht gesichert. Viele Fachkute glauben eher, daß er abnehmen wird, zumal viele Chemiker von Chemie Ingenieuren verdrängt werden dürften.

, Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt ist etwas vorsichtiger mit langfristigen Vorhersagen. Doch um eine ungünstige Momentaufnahme kommt auch sie nicht herum: „Zur Zeit ist die Arbeitsmarktsituation für Diplomchemiker ungünstig. Vor allem die chemische Großindustrie hält sich mit Neaeinstellungen sehr zurück "

Gegenwärtig verlassen im Jahr etwa 750 promoyierte oder diplomierte Chemiker die Universitäten und Hochschulen. Noch 1970 war der Stellenmafkt für Chemiker bei 730 Absolventen ausgeglichen. Mit Sicherheit läßt sich heute sagen, daß diese Zahl sich rapide erhöhen wird. So rechnet die VAA für 1975 mit fast 1000 Berufsanfängern — bei nur 860 offenen Stellen. Skeptiker erwarten auch für die Bundesrepublik eine Situation, wie sie in den USA, England, Holland und Skandinavien seit Jahren bekannt ist. So hätte 1970 das amerikanische Cooperative mittelt, für 720 Chemiker nur 18 freie Plätze. Und die National Science, foundation in Washington meldete im vergangenen Jahr, daß mehr als die Hälfte der arbeitslosen Wissenschaftler Chemie oder Physik studiert hatten. Die Berufsanfänger sind besonders enttäuscht, weil das Chemie Studium alles andere als ein gemütlicher Spaziergang ist. Der durchschnittliche Student, -braucht immerhin 12 bis 14 Semester, um sein Diplom zu schaffen Die durchschnittliche Studiendauer" liegt aber bei über neun Jahren, da für die Promotion nochmals vier Semester zu rechnen sind.

Fast die Hälfte aller Studienanfänger schafft deft angestrebten Abschluß überhaupt nicht. Die Erfolgsqiuote hat sich allerdings in den letzten Jahren verbessert, und auch die Studiendauer dürfte auf etwa 16 Semester (einschließlichPromotion) zurückgehen ; Pur gute Jobs in Forschung und Entwicklung ist die Promotion unerläßlich. Nur für produktionsnahe Tätigkeiten (so die ZAV) reicht das Diplomzeugnis aus — sehr gute Noten vorausgesetzt. Doch praktisch erwerben mehr als 90 Prozent aller Chemiker heute den Doktortitel. Dabei können sie während der Promotionszeit entweder als Assistenten ihren Lebensunterhalt verdienen oder auch von Beihilfen, der Industrie profitieren. Von 23 000 diplomierten und promovierten Chemikern arbeiten in der Bundesrepublik etwa 10000 in der chemischen Industrie. Ein relativ großer Prozentsatz ist in Forschungsinstituten angestellt. Auch in den Sparten Elektronik, Stahlund Fahrzeugbau, in der Nahrung- und Genußffiittelherstellung werden Chemiker benötigt. Schließlich findet eine relativ begrenzte Zahl von Nachwuchsleuten gute Start- und Aufstiegsmöglichkeiten bei Behörden.

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