Bücher und Bomben
Ich bin in den letzten Tagen oft als einer der Wegbereiter des Bombenterrors angesprochen worden, direkt oder indirekt, aber unmißverständlich; eher spöttisch von den einen (so hattest dus zwar nicht gemeint, Freundchen, aber unüberlegt war es schon, was du da seinerzeit von dir gegeben hast), ernsthaft von den anderen, und jedenfalls immer wieder auch von Leuten, denen man sich politisch nicht allzu fremd glaubt. Selbst die „Süddeutsche Zeitung" spricht nun von der „seltsamen Blindheit" und dem „Wahn" derer, die sich „im Namen der Freiheit für eine öffentliche Diskussion über die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes gegen demokratische Institutionen" eingesetzt hätten. Hier geht es nur um den Vorwurf: Sie, Dieter E. Zimmer, haben seinerzeit geschrieben, es gebe für Sie einen Unterschied zwischen einem aufgeschlagenen Buch und einer entsicherten Pistole; Sie wollten die Veröffentlichungen derjenigen, die da nun ernstlich Guerilla spielen, nicht vom Staatsanwalt konfisziert sehen; Sie tragen also mit Schuld daran, daß sich der Geist des Terrors dermaßen ausbreiten konnte. Das leichtzunehmen besteht kein Grund. Aber sowenig ich verkenne, daß Bücher Folgen haben können, sowenig kann ich mich nach wie vor mit Justiz- und Polizeiaktionen gegen Bücher befreunden. Erstens nämlich erscheinen sie mir als ziemlich wirkungslos. Terroristen kommen bei ihrer gegenseitigen Verständigung zur Not auch ohne Klaus Wagenbach und seinen Verlag aus. Es hieße sie weit unterschätzen, wenn man annähme, durch die Einziehung ihrer Overground Publikationen ließen sie sich quasi aushungern.
Zweitens bringt der Auftrag, gegen bestimmte politische Bücher vorzugehen, die Justiz in die gleichen unlösbaren Schwierigkeiten, die die Verfolgung sogenannter unzüchtiger Literatur bereitete. Wer soll wo die Grenzen ziehen? Werden nur die Rechtfertigungen heutiger Revolutionsterroristen ver boten? Oder auch die Klassiker, auch Bakunin? Und die Theoretiker, auf denen die Praktiker des Terrors aufbauen? Vielleicht also auch Marx?
Dürfte Marighelas Buch über die Stadtguerilla nicht gelesen werden, obwohl es sich auf Zustände bezieht, nämlich südamerikanische, in denen revolutionäre Gewalt möglicherweise keine so abwegige Idiotie ist wie derzeit in Mitteleuropa? Und soll ein bestimmter Text verboten sein, wenn er gleichsam nackt präsentiert wird, aber erlaubt, wenn ein distanzierender (vielleicht scheinheiliger) Kontext ihn pro forma salviert? Die Schwierigkeiten einer plausiblen Grenzziehung hängen mit der indirekten Wirkungsweise von bloß Geschriebenem zusammen. Die praktischen Leitfäden die Bastelanwei -sungeri für Sprengkörper:bei- depen- ist die Sache noch einigermaßen klar — zwar muß nicht jeder, der sie liest, auch gleich zur Tat schreiten, aber Lektüre und Tat sind einander relativ nahe. Aber Darlegung und Propagierung einer Idee können ebenso Widerstand wecken und immunisieren, wie sie zu ihrer Verwirklichung über alle praktischen Hindernisse hinweg reizen können.
Auf jeden Fall liegt ein langer Vermittlungsweg zwischen Lektüre und Tat, einfache Ursache Wirkung Beziehungen werden sich schwer konstatieren lassen. Und vielleicht gibt der nächste Bombenleger an, er sei nicht durch die Lektüre Horst Mahlers, sondern einer Bankiers Festschrift zu seinem Entschluß gebracht worden Dieter E. Zimmer
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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