Fragen an Karl Steinbudi zum wirtschaftlichen Wachstum Dem Konsum abschwören
In einem offenen Brief an den Bundeskanzler beklagt Professor Karl Steinbuchs Auffassung zur Zeit „beinahe selbstmörderisch wird".
Warum glauben Sie, daß wirtschaftliches Wachstum selbstmörderisch wird? Steinbuch: Hierbei denke, ich vor allem an die Untersuchungen des „Club of Rome", die neuerdings auch in deutscher Sprache publiziert wurden („Die Grenzen des Wachstums" und der „Teuflische Regelkreis" ) Wenngleich ich die Vorläufigkeit dieser Arbeiten durchaus sehe, signalisieren sie doch dies ganz deutlich: Die menschliche Kultur ist an einer Wendemarke ihrer Entwicklung, das bisher mögliche Wachstum stößt an eine unüberschreitbare Grenze. Dieses Anstoßen ist im jetzigen Augenblick noch nicht ganz deutlich, aber es wird sich im kommenden Jahrhundert so elementar ereignen, daß auch bisher selbstverständliche wirtschaftliche und ökonomische Grundsätze aufgegeben werden müssen.
V Halten Sie unsere Wirtschaft ohne Wachstum überhaupt für lebensfähig?.
Steinbuch: Wer das gegenwärtige Wirtschaftsgebaren in Ost und West betrachtet, könnte vermuten, daß ohne Wachstum wirtschaften überhaupt nicht möglich sei. Man, sollte sich aber des instrumentellen Charakters der Wirtschaft bewußt werden: Wirtschaften ist ja nichts anderes als ein Mittel zur Existenzsiche xung und wo durch deren bisher übliche Methoden die Existenz nicht mehr gesichert, sondern gefährdet wird, da müssen die Methoden des Wirtschaftens eben geändert werden. Möglicherweise ist dies, zumindest theoretisch gar nicht schwierig: Es gibt ja keinen Grund, weshalb Güter nicht auch in konstanten, nicht wachsendem Umfang produziert werden könnten. Praktisch aber erwächst aus der Konkurrenzsituation der Zwang zum Wachstum. Deshalb ist die Lösung dieses Problems praktisch ungeheuer schwierig, vergleichbar dem Problem der weltweiten Kriegsverhütung.
Wohlstand. Kann diese Erwartung ohne. Wirtschaftswachstum erfüllt werden?
Steinbuch: Dieser Erwartung muß langfristig durch Erziehung und Aufklärung entgegengetreten werden. Ebenso wie in den letzten Jahren sich die Öffentlichkeit bewußt wurde, daß die Umwelt geschützt nächsten Jahrzehnten auch bewußt werhaltsamkeit, bewußter Verzicht unumgänglich ist. Ich halte es für wahrscheinlich, daß sich ein solcher Bewußtseinswandel einstellen wird. Besonders innerhalb der aufmerksamen Jugend ist er ja daß die subjektiv empfundene Lebensqualität kaum mehr von weiter gesteigerter Produktion abhängt, vielmehr von Dienstleistungen und sozialen Kontakten.
daß der Staat die Wirtschaft stärker als bisher lenken muß?
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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