Den deutschen Zecher im Visier

Der niedrige Weinkonsum in der Bundesrepublik lockt ausländische Anbieter auf den Markt

Yon diesem Wein haben wir in der Schweiz selber, nicht genug, aber wir wollen ihn trotzdem in der Bundesrepublik verkaufen", versichert ein Vertreter der Domaines Schenk. Gemeint war der Pendant, ein trockener Weißwein aus dem Wallis, der in Deutschland bisher kaum zu erhalten war. Den Eidgenossen braucht um ihren Pendant trotzdem nicht bange zu sein, denn die Zahl deutscher Weiakenner, die einen voll durchgegorenen Rebensaft u schätzen wissen, ist immer noch gering. Während in den klassischen Weinländern die trockenen Weine bevorzugt werden, zieht der deutsche Zecher zumeist den „lieblichen" Wein vor, der noch eine gehörige Portion Restsüße hat — und bezahlt diese Vorliebe am nächsten Morgen oft mit Kopfschmerzen. Nicht um aus Nächstenliebe den deutschen Nachbarn solche Pein zu ersparen, sondern um sich in der Bundesrepublik einen Marktanteil in den oberen Preisklassen zu erobern, möchte die Schweizer Weinfirma Schenk „dem deutschen Konsumenten ausländische Qualitätsweine näherbringen" und ihn dazu bewegen, wie „in anderen Kulturländern zu den Hauptmahlzeiten Wein zu trinken". Der Pendant ist dabei nur eine Spezialität auf der alle großen Weinbaugebiete Europas umfassenden Angebotspalette.

Die Domaines Schenk, mit dem Sitz in Rolle am Genfer See, gehört zu den ganz Großen im europäischen Weingeschäft. 1971 erzielte sie einen Jahresumsatz von 530 Millionen Schweizer Pranken. Die Gesellschaft besitzt, bewirtschaftet oder hat den Alleinvertrieb von über sechzig Weingütern in der Schweiz, Italien, Spanien und Frankreich. Mit dem dort produzierten Wein füllt sie jährlich etwa 310 Millionen Flaschen. Erst zwanzig Millionen davon werden in der Bundesrepublik verkauft. Davon wiederum waren 300 000 Flaschen Qualitätswein.

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Für die Inhaber und Manager des als Aktiengesellschaft geführten Familienunternehmens ist Wein nicht „irgendein Produkt, sondern eine Lebensanschauiung". Es klingt fast trotzig, wenn sie erklären, daß sie „die typischen traditionellen Eigenarten der jeweiligen Anbaugebiete erhalten und nicht einfach dem Konsumgeschmack anpassen wollen". Sie möchten so „ganz bewußt der Vermassung bei der Weinqualität entgegenwirken".

Bei der Europäischen Kommission in Brüssel dürften solche Bekenntnisse mit Wohlgefallen aufgenommen werden. In ihrem jüngsten Bericht über den Weinmarkt wirft die Kommission den EWG Winzern nämlich vor, daß sie selber schuld seien, wenn ein Teil der Produktion des Wirtschaftsjahres 197071 im Keller liegen bleibe. Die Bürokraten glauben, daß „häufig auf Grund von Qualitätsmängeln manche Weine nicht mehr gekauft werden". Nur ein Viertel der Gesamtproduktion sei Qualitätswein besonderer Anbaugebiete. Mißbilligend stellt die Kommission fest, daß dies „in einer Gemeinschaft nicht normal ist, deren Mitgliedsstaaten über eine so alte Weintradition verfügen".

Auch bei Schenk war man nicht immer nur dem Qualitätswein verschworen. Bis vor sechs Jahren hatte das Unternehmen in der Bundesrepublik nur sechs Großkunden, die ganze Schiffsladungen von Konsumwein kauften. Doch der harte Wettbewerb bei diesen minderen Weinen führte zu einem immer schärferen Druck auf Qualität und Preis. Außerdem erwiesen sich die Großkunden als launische Abnehmer, die oft sehr rasch die Lieferanten wechselten.

In Frankreich, als Produktions- und Absatzgebiet für Schenk gleichermaßen wichtig, stört die Schweizer Weinhändler dagegen, daß die Preise für Konsumwein „politisiert" sind. Bei jedem Versuch der Pariser Regierung, der Inflation mit Hilfe eines Preisstopps die Giftzähne zu ziehen, kommen auch die Preise für den Tischwein an die Kette. Bei steigenden Kosten gerät der Lieferant dann sehr leicht in die Verlustzone. Qualitätsweine bleiben von solchen Maßnahmen dagegen meist unberührt.

Zumindest in Deutschland gab Schenk deshalb das Geschäft mit Konsumweinen inzwischen fast völlig auf. Wichtigste Kunden sind heute Großunternehmen des Einzelhandels wie Edeka, Gedelfi oder Rewe. Ihnen liefert Schenk aber den Wein auch nicht mehr in Kesselwagen, sondern nur in Flaschen, die im jeweiligen Produktionsgebiet abgefüllt wurden. Diese preiswerten Weine werden von den jeweiligen Handelsorganisationen unter eigenen Markennamen im Lebensmittel Einzelhandel vertrieben.

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