Der Angriff der Bürger

Ideologische Wechselwirkungen zwischen Europa und USA / Von Horst Bieber

Die vielfachen Beziehungen zwischen der amerikanischen Revolution 1776 und der Französischen Revolution von 1789 sind oft und hinlänglich beschrieben worden; der unmittelbare und mittelbare Einfluß der Erhebung in Neu- England auf den europäischen Kontinent verdiente noch größere Beachtung. Denn ganz Westeuropa — und beileibe nicht nur Frankreich befand sich in einem Zustand der Gärung; die Jahre. 1760 bis 1800 verdienen das Attribut „Zeitalter der demokratischen Revolution". Dies ist die These von R. R. Palmer: „Das Zeitalter der demokratischen Revolution EinevergleichendeGeschichte Europas und Amerikas von 1760 bis zur Französischen Revolution"; Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion, Frankfurt 1970; 621 S , 48 —DM Palmers meisterhafte Studie vergleichender Geschichtsbetrachtung führt einen glänzenden (und fesselnden) Beweis für die Behauptung, daß 1776 und 1789 keine isolierten Vorgänge, sondern Teile einer allgemeinen Emanzipationsbewegung waren, die ganz Europa erfaßt hatte. Die Grundmotive der Bewegung — die auslösenden sozialen Konflikte und die politischen Leitideen waren allen Staaten gemeinsam; in welcher Form und wie weit sie sichdurchsetzten, hing im Einzelfall von den konkreten Bedingungen ab. Es brauchte nicht immer kriegsähnliche Unruhen, um Reformprozesse von vergleichsweise revolutionärem Tempo einzuleiten — freilich verschwand vieles später unter der napoleonischen Flut, wurde eingeebnet oder von den dann wieder mächtigen konservativen Kräften beseitigt. Der Begriff „demokratisch" darf nicht zu eng ausgelegt werden. Palmer versteht darunter einmal die Abrufbarkeit, das Auswechseln der entscheidenden Führungsschicht oder person, sodann die Möglichkeit, Macht und Mitspräche zu delegieren. Zuvörderst richtete sich dieser Trend gegen Adel und Patriziat, die sich aber zu wehren wußten und mancherorts auch in diesen vierzig Jahren sogar ihre Positionen festigten, wie überhaupt die demokratische Bewegung von einer konservativen Entsprechung begleitet war. Unter dem Strich mußten aber die traditionellen Gewalten eine Machteinbuße hinnehmen.

Etwas unbefriedigend bleibt Palmers Deutung der Gründe für jene Bewegung. Die Berufung auf die zum Allgemeingut gewordenen Begriffe von Gleichheit, Souveränität, Freiheit mochte auf jene — mit Palmers Definition — aristokratische „Mittelgruppe" von Parlamenten, Magistraten, Räten und Versammlungen zutreffen, die sich im 18. Jahrhundert gegen den Druck von unten und die Eingriffe von oben verteidigen mußten, kaum aber auf die breite Masse.

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Um diese beiden „Angriffskeile" zu erklären, müßten die soziale Entwicklung des Kontinents und jenes Phänomen berücksichtigt werden, das Trevor Roper (für das 17. Jahrhundert) das „Versagen der Höfe" genannt hat. Seit den vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts läßt sich ein steigender sozialer Druck beobachten, der sich aus Bevölkerungswachstum und wirtschaftlicher Stagnation ergab. Das steuerzahlende Volk begann die Lasten härter zu spüren; der „Hof", das Machtzentrum, hatte gleichzeitig eine immense Summen verschlingende Größe erreicht, die nur noch mit seiner Ineffizienz korrespondierte. Freilich verharrten nicht alle Höfe in Indolenz Und Ignoranz — Palmer führt mehr als einen Fürsten an, der Reformen durchsetzen wollte und nicht unwesentlich zur „demokratischen Revolution" beitrug, wobei christliche, menschenfreundliche, enzyklopädisch philosophische oder auch schlicht finanzielle Motive mitspielen mochten. Die „demokratische Revolution" war vor allem eine soziale Krise. Das System versagte; seine Reform schien nur nach Ablösung der bestehenden Gewalten (und, ivie im Falle des französischen Adels, seiner Schmarotzer) möglich. Allerdings schalteten sich in diesen Äblösungsprozeß Gruppen mit einer gänzlich anderen Interessenlage ein, die wenig Sinn für die sozialen Nöte „unten", dafür aber den dringenden Wunsch nach Aufhebung der Bevormundung von „oben" hatten. Sie waren an Zahl schwach, aber dem Machtzentrum näher und mit ihm vertrauter als die Masse, die natifs, wie sie etwa in Genf genannt wurden. Sie übernahmen die Führung der sozialen Revolution und formten sie zur „demokratischen Revolution" um. Sie mochten dabei Locke, Montesquieu oder Rousseau zitieren — es blieb eine bürgerliche Revolution, die zum Vorteil der sozial schon bevorzugten Schichten ausschlug (oder doch ausschlagen sollte).

 
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