Von François Bondy

Les mots et les choses – wörtlich übersetzt „Die Wörter und die Dinge“, jetzt unter einem etwas anderen Titel deutsch erschienen –

Michel Foucault: „Die Ordnung der Dinge“ – Eine Archäologie der Humanwissenschaften, aus dem Französischen von Ulrich Koppen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 470 S., 44,– DM

war 1966, als dieses Werk in der „Bibliothek der Humanwissenschaften“ bei Gallimard herauskam, ein ungewöhnlicher Erfolg. Dreißigtausend Exemplare des schwierigen und umfangreichen Buches wurden in wenigen Monaten abgesetzt; es blieb auf lange Zeit im Mittelpunkt der Diskussion und wirkte, schon vom Titel her, sowohl wie eine Nachfolge von Martin Heideggers „Sein und Zeit“ (Heidegger ist der Philosoph, auf den sich Foucault neben Nietzsche am stärksten bezieht) als auch wie eine „Erledigung“ von Jean-Paul Sartres „Das Sein und das Nichts“. Schon dieser Beziehung wegen wäre die Beibehaltung des Titels „Die Wörter und die Dinge“ sinnvoll gewesen.

Zu den „Humanwissenschaften“ zählt Michel Foucault freilich seine eigenen Überlegungen nicht. Was er hier mit so ungewöhnlicher Wirkung vorgelegt hat – 400 Seiten, eng bedruckt, ohne Bibliographie (was die deutsche Ausgabe nachholt) und ohne Namen- und Sachregister (was leider auch in der deutschen Ausgabe fehlt) – ist kein Traktat, sondern ein brillanter Essay in der französischen Tradition dieser Gattung.

Was ist Foucaults Thema? Teils abrupt, teils mit etlichen Wiederholungen dargestellt, geht es um das, was er die „Episteme“ nennt. Das ist hier keine „Wissenschaftsmethodik“ oder wie sonst dieser Ausdruck verstanden werden kann, sondern das den Zeitgenossen meist unbewußte gemeinsame Substrat verschiedenster Äußerungen in einer Epoche, nicht ihr Denken, sondern die Voraussetzung ihres Denkens, das „Denken hinter dem Denken“ es sind die Selbstverständlichkeiten einer Epoche, die für Foucault das Problem darstellen, und nicht die Probleme, deren sich die Geister einer Epoche bewußt werden und die nur Oberflächenerscheinungen auf dem Hintergrund der umgreifenden „Episteme“ sind, die eine Epoche ebenso fest umgrenzt wie die Wände eines Aquariums die darin schwimmenden Fische.

Foucault untersucht in diesem Sinn die Epoche der Renaissance, in der, so meint er, Dinge und Wörter noch gleichwertig zusammengeworfen werden, die klassische Epoche der „Repräsentation“, die Entwicklung der eigentlichen Humanwissenschaften, Biologie, Volkswirtschaft, Philologie im neunzehnten Jahrhundert und schließlich, als neueste Erscheinung, die Infragestellung des Menschen als eines Produkts dieser Humanwissenschaften, das nunmehr aufhört, im Mittelpunkt des geistigen Interesses zu stehen.