Der Mensch ist tot - es lebe das Prinzip

Michel Foucaults Grabungen in verschiedenen Formen des Zeitgeistes Von Francois Bondy

Les mots et les choses — wörtlich übersetzt „Die Wörter und die Dinge" , sinnvollgewesen.

Zu den „Humanwissenschaften" zählt Michel Foucault freilich seine eigenen Überlegungen nicht. Was er hier mit so ungewöhnlicher Wirkung vorgelegt hat — 400 Seiten, eng bedruckt, ohne Bibliographie (was die deutsche Ausgabe nachholt) und ohne Namen- und Sachregister (was leider auch in der deutschen Ausgabe fehlt) — ist kein Traktat, sondern ein brillanter Essay in der französischen Tradition dieser Gattung. Was ist Foucaults Thema? Teils abrupt, teils mit etlichen Wiederholungen dargestellt, geht es um das, was er die „Episteme" nennt. Das ist hier keine „Wissenschaftsmethodik" oder wie sonst dieser Ausdruck verstanden werden kann, sondern das den Zeitgenossen meist unbewußte gemeinsame Substrat verschiedenster Äußerungen in einer Epoche, nicht ihr Denken, sondern die Voraussetzung ihres Denkens, das „Denken hinkeiten einer Epoche, die für Foucault das Problem darstellen, und nicht die Probleme, deren sieb die Geister einer Epoche bewußt werden und die nur Oberflächenerscheinungen auf dem Hintergrund der umgreifenden „Episteme" sind, die eine Epoche ebenso fest umgrenzt wie die Wände eines Aquariums die darin schwimmenden Fische. Foucault untersucht in diesem Sinn die Epoche der Renaissance, in der, so meint er, Dinge und Wörter noch gleichwertig zusammengeworfen werden, die klassische Epoche der „Repräsentation", die Entwicklung der eigentlichen Humanwissenschaften, Biologie, Volkswirtschaft, Philologie im neunzehnten Jahrhundert und schließlich, als neueste Erscheinung, die Infragestellung des Menschen als eines Produkts dieser Humanwissenschaften, das nunmehr aufhört, im Mittelpunkt des geistigen Interesses zu stehen.

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Warum bezeichnet Michel Foucault eine Pro blemstellung, die er ebensogut eine geschichtliche hätte nennen können, als „Archäologie"? Dieser Begriff ist ihm so zentral, daß er ihn schon mit vier seiner Werke in Zusammenhang gebracht hat, nämlich mit Seiner „Geschichte des Spitalwesens", die er eine „Archäologie des medizinischen Blickes" genannt hat, mit seinem bis zu „Die Ordnung der Dinge" bekanntesten Werk, das deutsch (ebenfalls bei Suhrkamp) unter dem Titel „Wahnsinn und Gesellschaft" erschienen ist. Im Vorwort dieses Werkes lesen wir, die Sprache der Psychiatrie als Monolog der Vernunft über den Wahnsinn habe sich nur auf dem Schweigen — dem der kommunikationslosen Irren — errichten können: „Ich habe nicht versucht, die Geschichte dieser Sprache zu schreiben, sondern die Archäologie dieses Schweigens "

1969 hat Foucault ein weiteres Buch veröffentlicht, das „Die Archäologie des Wissens" heißt — „Archäologie" diesmal also nicht mehr als Untertitel, sondern als Haupttitel. Offenbar ist „Archäologie" für den Philosophen — er wurde schon als Vierzigjähriger Professor am „College de France" — ein Schlüsselwort. Für Foucault nämlich hat Geschichte mit Dokumenten zu tun, durch die eine vergangene Zeit zur unseren spricht, Archäologie mit Monumenten, in denen eine sonst unzugängliche fremde Zeit ganz für sich selber zeugt. Doch ist schon bemerkt worden, daß die Archäologen „Monumente" in „Dokumente" zu verwandeln trachten, die zu uns sprechen, während Foucaults „Archäologie" umgekehrt die Dokumente der letzten drei Jahrhunderte in Monumente verwandelt, die uns ferner und unverständlicher sind, als wir es meinen. Schon das ist — wie so vieles bei Foucault— paradox. Doch es ist nicht alles. Foucault spricht immer wieder vom „Archiv" der Vergangenheit, und er versteht wortspielerisch unter „Archäologie" zugleich „Archivologie", nur daß er dieses Wort nicht erschaffen mag, sondern sich mit dem schillernden Doppelsinn des von ihm so eigenwillig gebrauchten Ausdruckes zufrieden gibt. Archäologie meint aber auch: eine Geschichte hinter der Geschichte, vielleicht nach dem Ende der Geschichte, unter ihren Ruinen. Denn Foucault geht von Nietzsche, dem „ersten Modernen", aus, der mit dem Ruf nach dem Obermenschen gezeigt habe, daß nicht nur Gott tot ist, sondern auch der Mensch, und der mit der „Wiederkehr schied nahm.

So sind die Bücher Michel Foucaults — mit Ausnahme des ersten, das eine Studie über den Vorgänger der Surrealisten Raymond Roussel war — zugleich historisch und nicht historisch. Wir sind wieder bei der „Episteme" als dem allumfassenden gemeinsamen Prinzip angelangt, Denkstil einer Epoche, der durch brüske und geheimnisvolle Mutationen jeweils eine auf ganz verschiedene Voraussetzungen fußende Epoche folgt. „Don Quijote" ist zum Beispiel Indiz einer Mutation: der „Ritter" von der traurigen Gestalt glaubt noch, Dinge und Wörter, Bücher und Erfahrungen gleichsetzen zu können unct erscheint eben deshalb einer neuen Zeit als Wahnsinniger.

Die klassische „Episteme" ist durch „Repräsentation" gekennzeichnet und durch physikalischmathematische Analyse.

Woher die plötzlichen Mutationen zwischen den Epochen kommen, das erklärt Foucault nicht; er begnügt sich festzustellen, wie mit einemmal eine große Veränderung, ja eine Kehre eintritt. In diesem lesenswerten und provozierenden Buch ist besonders interessant die Ausführung über Lamarck und Cuvier, also über den Vorläufer der Evolutionslehre und den Naturforscher, der an die unveränderbar festen Arten glaubte, und deren Streit den greisen Goethe bekanntlich mehr beschäftigt hat als die politische Revolution von 1830. Foucault will zeigen, daß Lamarck der Traditionalist war, der den Übergang von einer Art zur ändern, wie er schon früher als eine lückenlose Kette der Arten postuliert war, nur übernahm, während Cuvier als Strukturalist erkannte, wie jede Art ihre organische Konsequenz in sich selber hat, weshalb etwa aus einem einzigen Knochen ein prähistorisches Tier rekonstruiert werden kann.

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