Der Tod der alten Dame
Die „Saarbrücker Landeszeitung" stellt ihr Erscheinen ein / Von Axel Buchholz Saarbrücken
Nach mehrwöchigem Todeskampf soll sie am 31. Mai, wie angekündigt und ohne besonderes Aufheben, endgültig sterben: die „Landestante", wie die Saarbrücker Landeszeitung (SLZ, Auflage: 30 000) im Saarland liebevoll spöttisch genannt wird. Und damit ist an der Saar vom 1. Juni an Gegenwart, was bei medienpolitischen Diskussionen allenthalben noch als Gefahr einer mehr oder weniger fernen Zukunft an die Wand gemalt wird — ein regionales Tageszeitungsmonopol. Konkurrenzlos wird die Saarbrücker die 1 1 Millionen Saarländer in Zukunft mit regionaler und lokaler gedruckter, Information versorgen Überregionale gedruckte Information, falls man in diesem Fäll davon überhaupt sprechen kann, bringt in nennenswertem Umfang nur noch die Bild Zeitung ins Saarland. Sie verkauft über 70 000 Exemplare.
Was bei der vom Trierer Bischof herausgegebenen CDU nahen SLZ als Todesursache diagnostiziert wurde, hatte 1967 bereits zum Verkauf der SPD nahen Allgemeinen Zeitung ebenfalls an die SZ geführt: das offenbare Desinteresse des Leserpublikums an einer parteipolitisch gebundenen Zeitung und der Unwillen der Geldgeber, bei stagnierender Auflage und steigenden Kosten das ständig wachsende Defizit zu decken. So sehr diese wirtschaftlichen Zwänge in der saarländischen Öffentlichkeit erkannt werden, so sehr bedauert man gleichzeitig den Verlust an Meinungsvielfalt.
Besonders laut ist das Wehklagen der Linken am Sterbebett der rechten „alten Dame", die nie ein Hehl aus ihrer gut katholischen und christdemokratischen Provenienz machte. Der SPDLandesvorsitzende Friedel Läpple bescheinigt dem Bischofsblatt, daß es die SPD in zumindest zwei Kreisausgaben meldungsmäßig stärker berücksichtigt habe als die laut Untertitel und Statut überparteiliche SZ. Gleichzeitig befürchtet der vom Jungsozialisten- zum Landesparteivorsitzenden arrivierte Politiker, bei der nun konkurrenzlosen SZ könnte jetzt eine Tendenz zunehmen, die er schon seit einiger Zeit festgestellt haben will: wachsende Vertretung von CDU Interessen. Der liberale SZ Chefredakteur Dr. Wolf gang Saile wehrt sich einerseits gegen solche Vorwürfe: „Man kann nicht sagen, daß die Redaktion sich in Richtung CDU entwickeln will Andererseits räumt er ein, daß die SZ ein Blatt sei, „das etwas rechts von der Mitte steht".
Das Bemühen um Überparteilichkeit jedoch will der SPD Medienexperte an der Saar und stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Oskar Lafontaine, verstärkt wissen. Er hält in Erkenntnis wirtschaftlicher Notwendigkeiten und der Tatsache, daß ohnehin die wenigsten Saarländer sich zwei Regionalzeitungen hielten, „nicht so sehr die Vielfalt der Zeitungen für entscheidend, sondern die Vielfalt in der Zeitung". Besonders in der Zusammensetzung der landespolitischen Redaktion wünscht man sich bei der SPD mehr Ausgewogenheit und verweist darauf, daß ohnehin Veränderungen in der Redaktiorisspitze ins Haus stünden. Auch Gastkommentare von Latidespolitikernregt man an.
Veränderungen in der Redaktionsspitze „für nicht ausgeschlossen", wehrt sich aber gegen jeden Parteienproporz: „Wir sind doch keine öffentlich rechtliche Rundfunkanstalt Eine Garantie für Ausgewogenheit sieht er in der Beteiligung der Belegschaft an der Zeitung, im Redaktionsstatut und vor allem auch im notwendigen Streben nach wirtschaftlichem Erfolg, das Einseitigkeit ausschließe und übrigens auch schon eine Verringerung des Textteils gegenüber dem Anzeigenteil um vier Prozent mit sich gebracht hat. Auch sei die SPD ja mit zwei Politikern im Aufsichtsrat des Unternehmens vertreten, das nach der Privatisierung 1969 zu 49 Prozent dem Stuttgarter Verleger Georg von Holtzbrinck (u a. zent den Stiftungen der drei Bundestagsparteien, zu 15 Prozent der Belegschaft und zu zehn Prozent Banken (darunter die Bank für Gemeinwirtschaft) gehört. Demgegenüber verweisen allerdings Kenner darauf, daß die eigentlichen Entscheidungen inzwischen in den sogenannten Verlagsausschuß verlagert worden seien, dem Vertreter der SPD nicht angehören „Die haben sich überfahren lassen", hört man aus der Zeitung „Wir hatten keine Möglichkeit, das zu verHndern", rechtfertigt sich die Partei.
Zusammen mit dem Kauf der Abonnenten der auch einen Vorvertrag über den Erwerb der mit der SLZ verbundenen Trierischen Landeszeitung (Auflage: 20 000) unterzeichnet. Sie wird als eigene Zeitung weitererscheinen, mit der SZ aber eng kooperieren und nach Möglichkeit zunehmend Fernsatz aus Saarbrücken beziehen. Die SZ tritt damit indirekt mit dem Trierischen Volksfreund (Auflage: 80000) in Konkurrenz. Der VolksLeser. In ihm sehen die einen bereits das nächste Opfer" der SZ (Dr. Stiff: „Völlig gegenstandslos"), während andere auf angebliche Kontakte zwischen diesem Blatt und der mächtigen Westsen. Die WAZ hatte sich zusammen mit Holtzbrinck bei der saarländischen Landesregierung ebenfalls um den Kauf der SZ beworben, also schon einmal deutlich saarländische Interessen kundgetan.
Über die TLZ, die einige Mantelseiten an die weitere Geschäftsbeziehungen von Saarbrücken in die Pfalz. Die Abonnenten der Westpfälzischen wigshafen) hatte die SZ bereits 1970 erworben. Der in Zweibrücken mit Holtzbrinck Beteiligung erscheinende Pfälzische Merkur bezieht seine überregionalen Seiten seit Oktober vergangenen Jahres bei der SZ und wird dort auch gedruckt. Einer weiteren Entwicklung der SZ in Richtung Pfalz stehe allerdings eine Abgrenzungsabsprache mit der Rheinpfalz entgegen, wollen manche wissen. Andere spekulieren über Kapitalverflechtungen zwischen Stuttgart, Ludwigshafen und Saarbrücken, um daraus mögliche Kooperationspläne für eine fernere Zukunft abzuleiten. SZ Verlagsleiter Dr. Stiff, auf eine weitere Ausdehnung der ab Juni mit annähernd 220 000 Exemplaren erscheinenden Saarbrücker Zeitung angesprochen, orakelt: „Angesichts des Kosten drucks haben die Konzentrationsbewegungen bei der deutschen Presse ihr Ende noch längst nicht gefunden "
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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