Die Docker trotzen Heath

Generalprobe für das neue britische Gewerkschaftsgesetz / Von Franz C. Widmer

Es war eine verkehrte Welt, als an einem schönen Sonntagmorgen alle britischen Eisenbahnzüge still, einsam und verlassen in den leeren Bahnhofshallen standen und dafür die Obersten Lordrichter Ihrer Majestät die Perükken aufsetzten. Beides waren Premieren. Weil die Bähnler bummelten, gab es bei British Rdil erstmals keinen Sonntagsverkehr. Und um dts normale Leben schnellstmöglich wieder herzustellen, gingen die Lords ins Appellationsgerich:. Zyniker mögen sagen, die Gerichtsverhandlung sei nur Theater gewesen; denn im Fall „ASLEF uad andere gegen NIRC" sei Komödie gespielt worden. ASLEF, die Union der Lokomotivführer, und die beiden ändern Eisenbahnergewerkschaften wollten nämlich dem National Industrid Recht absprechen lassen, eine geheime Abstimmung aller Gewerkschaftsmitglieder über dai Arbeitskampf zu verlangen. Dies untergrabe erstens die Autorität der Gewerkschaftsführunj, und zweitens sei ihr Bummelstreik — „Arbeit nach dem Regelbuch" — gar kein Vertragsbruch. Die Berufung wurde abgewiesen, der nächste Akt konnte beginnen.

Auch dieser war eigentlich überflüssig. Dem wie immer sich die 170 000 Stimmberechtigten entschieden, der Lohndisput war damit doch längst nicht automatisch gelöst. Es ging nur noch um die hier so wichtige „Wahrung des Gesichts": Bei einem „Nein" zum Streik könnten die Gewerkschaftsbosse ein Prozent zurückstecken, bei einem „Ja" dürfte British Rail einen Punkt dazugeben. Oder der Kampf könnte weitergehen. Dabei sind die betriebs- und gesamtwirtschaftlichen Interessen gering, denn die Staatseiseabahnen fahren ohnehin bis weit über die Achs:n in den roten Zahlen, und die Arbeiter haben mit dem Bummelstreik mehr Geld verloren, als ihnm die größte Aufbesserung wieder einbringen könnte. Die Regierung schließlich ist im Kampf gegen die Lohnkosteninflation vorerst unterlegsn — ob plus 14 oder plus 15 Prozent, dies spielt in einer stagnierenden Wirtschaft keine so große Rolle.

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Dennoch ist der Eisenbahnerstreit keine Komödie (und höchstens für die zornige RegenschirmBrigade der Londoner Pendler eine kleine Tragödie). Vielmehr wurde und wird vor den Gerichten Geschichte gemacht. Erstmals muß der Gewerkschafter einem Gericht gehorchen; erstmals sind Tarifverträge bindend; erstmals kommt die Industrial Relations Act zur Anwendung, und erstmals muß sich — in den Worten von Schatzkanzler Anthony Barber — zeigen, „wer eigentlich das Land regiert, das gewählte Parlament oder irgendwelche Partikularinteressen". Die Tratte Unions lernen den Gehorsam.

Der Kampf der Gewerkschaften gegen das verhaßte Gesetz, das den Dschungel britischer Arbeitsbeziehungen lichten soll, hat mit dsm Eisenbahnerdisput einen schweren Rückschlag erlitten. Die Arbeiterführer, die Harpld Wilsons eigenes „Antistreikgesetz" zu Fall bringen konnten, haben nur noch das Versprechen in der Tasche, eine nächste sozialistische Regierung (die fast alle Parteigelder aus den Gewerkschaftskassen erhält) werde das Gesetz widerrufen (vas sie dennoch bestimmt nicht tut). Ihr Boykott des Gesetzes ist zusammengebrochen.

Der den Naiven spielende Victor Featter, Generalsekretär des Trade Union Congiess (TUC) und damit höchster Arbeiterboß, mußte einsehen, daß Arbeitsgerichtspräsident Sir John Donaldson tatsächlich ein Oberrichter ist und nicht nur eine Art Tribun, „weil er weder Robe noch Perücke trägt". Und die Eisenbahner erschienen trotz der offiziellen TUC Boykottpolitik vor dem Gericht und befolgten auch dessen, Verdikte. Damit war nicht eine Komödie gespielt, sondern das erste Kapitel in einem neuen Geschichtsbuch des Arbeitsrechts geschrieben. Doch letztlich müssen Gesetz und Gericht nicht Geschichte machen, sondern die Flut von jährlich vielen tausend Streiks eindämmen Es ist ine Definitionsfrage, ob man den andauernden Arbeitskampf als „englische Krankheit" bezeichnen soll — Unterinvestition, Konsumüberhang, schlechtes Management oder mangelnde Risikofreudigkeit sind andere englische Viren. Unbestritten aber bleibt, daß die Streiks die Produktion hemmen, die Investitionslust dämpfen und die Inflation anheizen. Und ebenso unbestritten ist, daß die konservative Regierung das Übel genauso mit dem Arbeitsgesetz und dem Arbeitsgericht kurieren will, wie dies vorher der Labour Administration mißlungen ist. Doch können sie helfen? r Sir John Donaldson verdiente schon tjei seiner ersten Aktion — der Auseinandersetzung, mitden Hafenarbeitern — beste Noten. Die Docker von Liverpool wurden von einer Transportfirma vor den „Streik Kadi" zitiert, weil sie deren Lastzüge mit Containern nicht in den Hafen ließen. Die Hafenarbeiter verlangen, daß die Container von ihnen im Hafen und nicht von den Transportarbeitern bei den Firmen gepackt werden.

Diesen Boykott zum Schutz der eigenen Arbeitsplätze verbot Sir John als „unfaire Praxis", und als die Docker das blacking nicht unterbanden, Wurden sie zu zwei Bußen von insgesamt einer halben Million Mark verurteilt. Doch hier zeigte sich das Dilemma:, bezahlen mußten nicht die Docker, sondern ihre Gewerkschaft, die mächte Transport & General Workende werden zur Rechenschaft gezogen, sondern der für ihre Aktionen nunmehr verantwortliche Verband. TGWU Boß Jack Jones, einer von Großbritanniens Linksextremisten, versuchte sich herauszuwinden: Die Buße müsse der Gewerkschaf tsdachverband bezahlen, denn die Docker hätten das Gerichtsurteil nur im Einklang mit dem TUCrBoykott mißachtet. Außerdem könne er für die Handlungen seiner Mitglieder ohnehin nicht verantwortlich gemacht werden.

Sir John entschied anders. Wer den Scheck für die Buße ausstelle, sei ihm egal. Für die Aktionen ihrer shop Stewards aber, der rund 250 000 gewerkschaftlichen Betriebsobleute, zeichneten die Gewerkschaftsführungen verantwortlich, stellte er fest und schuf damit den im englischen Recht so wichtigen Präzedenzfall.

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