Die große Lüge
Setzte sich ein Mann zur Wehr, wurde ihm anscheinend sein Mantel vom Henker über den Kopf gestülpt und um den Hals zusammengebunden, so daß er mit verhülltem Gesicht an den Rand der Grube geführt wurde. Es wurden nämlich viele Männer aufgefunden, denen man eben auf diese Weise eine Kapuze aufgesetzt hatte; der Mantel war an der Stelle, wo er die Schädelbasis bedeckte, von einer Kugel durchlöchert. Jenen hingegen, die gefaßt in den Tod gingen, muß sich der ungeheuerlichste Anblick geboten haben. In der breiten Grube lagen ihre Kameraden, rund um den Innenrand zusammengepreßt, Kopf bei Fuß, wie Sardinen in einer Büchse, nur in der Mitte des Grabes waren sie nicht so ordentlich hingelegt. Auf den Körpern trampelten die Henkersknechte herum, zerrten andere Leichen herunter und stapften im Blut wie Metzger auf einem Schlachthof. Als alles vorüber war, der letzte Schuß gefallen und das letzte polnische Haupt punktiert, da wandten sich die Schlächter der unschuldigsten Beschäftigung zu — vielleicht waren sie in ihrer Jugend in der Landwirtschaft ausgebildet worden — jedenfalls glätteten sie die Erdklumpen und bepflanzten das Schlachthaus mir kleinen Koniferen "
Was sich wie eine Horrorgeschichte anhört, ist in Wirklichkeit ein diplomatischer Bericht, den der britische Botschafter beiäer polnischen "Exilregierung, Owen OMalley im Mai 1943 ausfertigte. Wir erinnern uns: Am 17. September 193 9 war die Rote Armee gemäß einer Vereinbarung mit dem nationalsozialistischen Deutschland nach Polen eingefallen und hatte viele Kriegsgefangene einbehalten. Als dann am 22. Juni 1941 Hitler die Sowjetunion überfiel, verwandelte Stalin die Polen von Feinden zu Verbündeten, entließ sie aus der Gefangenschaft und ermöglichte ihnen, eine Armee zu bilden. Doch bald entdeckten die polnischen Behörden in London, daß etliche Tausend ihrer Offiziere verschollen waren. Mehrmals zogen sie Erkundigungen ein. Die Zeit verstrich, doch die Russen hatten keine Offiziere vorzuweisen, lediglich ausweichende Antworten. Da die Polen besser als die meisten anderen Völker die Brutalität Stalins und seiner Geheimpolizei, der NKWD, kannten, begannen sie das Schlimmste zu befürchten. Aber zu einer Zeit, da die russischen Armeen die volle Wucht der nationalsozialistischen Aggression auszuhalten und soeben den großen Sieg von Stalingrad errungen hatten, fühlten sich die Polen außerstande, den sowjetischen Führern allzu hart zuzusetzen Am 13. April 1943 gab der Sender Berlin bekannt, deutsche Besatzungstruppen hätten in der Nähe von Katyn in Westrußland die Leichen von mehreren Tausend polnischen Offizieren ausgegraben, die angeblich im Frühjahr 1940 von der NKWD ermordet worden sein sollten. Zur gleichen Zeit saß der polnische Ministerpräsident Sikorski mit Churchill beim Lunch und teilte ihm mit, er besitze „eine Fülle von Beweisen" für die Verantwortlichkeit der Russen. Churchill entgegnete: „Wenn sie tot sind, wird alles, was Sie tun, sie doch nicht wieder lebendig machen " Am 19. April berichtete Anthony Eden dem Kabinett, „er habe alles Mögliche getan, um die Polen dazu zu bringen, dies als ein deutsches Propagandastück zu betrachten, das Zwietracht unter den Alliierten säen solle". Natürlich war nicht unbedingt gesagt, daß ihre Informationen falsch sein mußten Sikorski wußte den Schaden einzuschätzen, den ein offener Bruch mit Rußland für die Kriegsanstrengungen bedeutet hätte, aber schließlich hatten einige seiner- engsten Mitarbeiter bei dem Massaker Verwandte verloren. Deshalb ließ er sich dazu überreden, eine Untersuchung durch das Internationale Rote Kreuz zu verlangen.
Stalin und seine Mitarbeiter deuteten dieses Vorgehen richtig als eine Unterstellung sowjetischer Schuld. Sie beschlossen, sich nicht mit Gegenbeweisen zu verteidigen, sondern vielmehr ihre Ankläger zu verleumden und zuletzt die Beziehungen mit der polnischen Regierung abzubrechen „Hitlers polnische Komplicen", lautete die Schlagzeile der Prawda vom 20. April. Sie stellte die Behauptung auf, daß die Offiziere 1941 nach dem Rückzug der Roten Armee in deutsche Hände gefallen und dann von den Nazis ermordet worden seien. Am 4. Mai gab Eden dem Unterhaus bekannt, wobei er seine Worte sorgsam wählte, daß Großbritannien „keineswegs wünsche, irgend jemand außer dem gemeinsamen Feind mit der Schuld für diese Ereignisse zu belasten". Er beklagte „den Zynismus, mit dem die Nazis, die selber Hunderttausende unschuldiger Polen und Russen umgebracht haben, die Geschichte oi~i einem Massenmord dazu benutzen, die Einigkeit unter den Alliierten zu stören".
Die jüngst veröffentlichten britischen Akten aus dem Jahre 1943 zeigen nun aber, daß es sogar schon damals, im Gegensatz zu den Worten Edens, keinen einzigen führenden britischen Politiker gab, der nicht von der Schuld der Russen überzeugt gewesen wäre. Gesandter OMalley hatte Zugang zu dem Beweismateriai Sikorskis und gab in seinem Bericht eine Zusammenfassung: Zunächst einmal war auffällig, daß im Frühjahr 1940 der Brief verkehr der Offiziere mit ihren Familien plötzlich aufgehört hatte. OMalley schreibt: „Die Deutschen eroberten Smolensk im Juli 1941, und man wird keine einfache Antwort auf die Frage finden, warum es keinem einzigen der 10 000 Offiziere, falls er die Zeit vom Mai 1940 bis zum Juli 1941 überlebt haben sollte, gelungen ist, irgendein Wort an seine Familie durchzubekommen "
Sodann gab es die verschiedenen widerspruchsvollen sowjetischen Antworten auf die polnischen Ersuchen um Nachrichten über die Offiziere. Zuerst war den Polen mitgeteilt worden, alle Offiziere seien bereits entlassen, dann hieß es, man besitze keine Nachrichten über ihren Verbleib, und schließlich wurde behauptet, sie müßten wohl in das deutsch besetzte Polen zurückgekehrt sein. OMalley hebt hervor, mit welcher Akkuratesse die NKWD ansonsten jedes Detail eines Gefangenen registrierte, wann immer auch er in ihren Gefängnissen gesessen hatte. Stalins Beteuerungen, „keinerlei Informationen" zu besitzen, waren kaum glaubwürdig.
Ndch einmal: Wenn die Offiziere im Juli 1941 wirklich noch am Leben waren, dann ist es höchst unwahrscheinlich, daß es keinem von ihnen gelungen sein sollte, inmitten der Verwirrung zu entfliehen und sich gen Osten durchzuschlagen. Außerdem gab es den medizinischen Untersuchungsbericht einer internationalen Kommission, nach deren Ermittlungen die Leichen drei Jahre alt waren. Gewiß, diese Kommission arbeitete unter deutscher Aufsicht, aber einige ihrer Mitglieder, wie Professor Franfois Naville, Gerichtsmediziner an der Universität Genf, waren ehrenwerte Männer und keineswegs pronazistisch — sie würden sich auf keinen Fall für ein Schwindelmanöver hergegeben haben. All dies deutete darauf hin, daß die Polen 1940 getötet worden waren, zu einer Zeit also, als das Gebiet von Katyn noch von den Sowjets verwaltet wurde. Solchen Argumenten hatten die sowjetischen Behörden keine Argumente entgegenzusetzen, nur Gepolter und Gegenbeschuldigungen. Botschafter Maiskij erklärte in einem Gespräch mit Churchill, die Polen „seien ein tapferes, aber törichtes Volk, das schon immer mit seinen Angelegenheiten schlecht fertig geworden sei", und „einige von Sikorskis Ministern seien nun drauf und dran, die Deutschen zu unterstützen". Ebenso äußerte sich Stalin gegenüber dem britischen Botschafter Clark Kerr: Sikorski „habe es zugelassen, daß ein paar Hitler hörige Leute aus seiner Umgebung ihn umgedreht hätten". Die Polen hielten sich für sehr klug, sagte er, aber „Gott hat ihnen keinen Verstand gegeben".
Derartiges Gerede konnte nach, Ansicht der britischen Führer durchaus der Ausfluß eines schlechten Gewissens sein. An der allgemeinen Zuverlässigkeit von OMalleys Bericht hegten sie jedenfalls keinen Zweifel „Ein starker Schuldverdacht bleibt an der sowjetischen Regierung haften", schrieb Frank Roberts, der spätere Botschafter in Bonn „Es besteht der schwere Verdacht, daß die Russen verantwortlich waren", so der spätere Botschafter Denis Allen, damals gleichfalls ein leitender Beamter des Foreign Office. Erschüttert zeigte sich Alexander Cadogan, der Standige Staatssekretär des Foreign Office „Dies ist eine tief beunruhigende Angelegenheit", schrieb er, „und ich gebe zu, daß ich mich auf feige Weise von der Szene in Katyn abgewandt habe, aus Angst vor dem, was ich dort hätte vorfinden können. Vielleicht ist uns noch unbekanntes Beweismaterial vorhanden, das in eine andere Richtung weist, aber angesichts der Beweise, die uns vorliegen, kann man sich schwerlich der Vermutung einer russischen Schuld entziehen "
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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