Die Realität des Unglaublichen

Ein ZEIT-Interview mit dem Hamburger Innensenator Heinz Ruhnau über die Bombenattentate

"ZEIT: Herr Senator, Sie sind als Vorsitzender der, Innenministerkonferenz maßgebend an der Entwicklung des Konzepts zur Verbesserung der inneren Sicherheit beteiligt. Da sind nun die Bomben hineingeplatzt. Wirft das nicht alle Sicherheitsvorstellungen über den Haufen? Ruhnau: An unserem Konzept hat das nichts geändert "Wir haben uns vor eineinhalb Jahren in der Innenministerkonferenz darauf geeinigt, ein gemeinsames Konzept für Bund und Länder zu entwickeln. Die Überlegung war, daß man die Diskussion um die innere Sicherheit aus der Emotionalisierung herausbringen sollte.

In dem gemeinsamen Konzept von Bund und Ländern ist zunächst einmal niedergelegt, wie wir mehr Einheitlichkeit in die ganze Polizeitätigkeit hineinbringen. Dennoch bekennen wir uns in dem Papier zum politischen Föderalismus. Der hat aber nichts zu tun mit dem administrativen Föderalismus. Die Macht muß verteilt bleiben. Es ist nicht gut, wenn sie in einer Hand Hegt. Aber es ist unnötig, daß wir in der Bundesrepublik elf verschiedene Polizeiorganisationen mit elf verschiedenen Techniken, unterschiedlicher Ausbildung und verschiedenen Kraftfahrzeugen haben.

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ZEIT: Es heißt, die Bombenleger entstammten der Baader Meinhof Gruppe oder gehörten Ablegern dieser Gruppe an. Gibt es nicht in der Polizei im Hinblick auf diese Gruppe eine Art von Resignation angesichts der andauernden Fahndungsmißerfolge?

Ruhnatt: Es gibt keine Resignation, und es gibt auch keine Mißerfolge. Fahndung ist eine schwierige Sache, anders als bei MacGarret in Hawaii 50, das muß man einmal sagen. Erfolglos ist die Fahndung nicht gewesen. Von den im Zusammenhang mit anarchistischen Gewalttaten bekannt gewordenen 60 Personen sind 25 in Haft; dies ist das Ergebnis einer koordinierten "und intensiven Fahndung. Und das würde ich, verglichen mit anderen Fahndungen auf dem Gebiet der gemeinen Kriminalität, als einen Erfolg betrachten.

ZEIT: Haben Sie Grund zu der Annahme, daß der potentielle Täterkreis wesentlich größer ist als 60 Personen?

Ruhnau: Das ist sehr schwer zu überschauen. Sehen Sie, wir haben es hier mit einer völlig neuen Qualität der kriminellen Entwicklung in unserem Lande zu tun. Viele — auch solche, die in der ZEIT geschrieben haben — haben ja doch in dea letzten Jahren dazu geneigt, Warnungen als übertrieben anzusehen; sie weigerten sich, dieses Unglaubliche für möglich zu halten. Wir haben uns überhaupt nicht vorstellen können, wie jemand zu dieser Art von Haltung und Handlung kommen kann. Das Unglaubliche ist Realität geworden. Es macht die Sache schwierig, daß wir es hie r mit wirklichem Anarchismus zu tun haben. Anarchismus und Organisation schließen einander aus.

ZEIT: Deshalb ist es auch schwierig, mit den herkömmlichen Mitteln der Observation — etwa des Verfassungsschutzes — in diese Gruppen einzudringen.

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