Die Saat der Gewalt

Das Abrutschen der Linksradikalen in den Terrorismus Von Karl-Heinz Janßen

Der Redakteur der Tagesschau hatte sich wohl nichts dabei gedacht: Auf die Meldung von neuen Bombenanschlägen in der Bundesrepublik ließ er unmittelbar die Nachricht folgen, amerikanische B 52 hatten die bisher schwersten Bombenangriffe gegen Ziele in Vietnam geflogen. Was hier zufällig zusammengebracht wurde, hängt ursächlich zusammen. Der unmenschliche Luftkrieg der Vereinigten Staaten gegen das kleine Vietnam hat Mitte der sechziger Jahre die Studentenrevolte ausgelöst. An Vietnam schieden sich die Geister. Eine junge Generation, die zur Achtung für die Ideale der Freiheit und zum Widerstand gegen Unrecht und Gewalt erzogen worden war, begann an den Repräsentanten dieser Ideale zu zweifehl, als sich die Schutzmacht der westlichen Demokratien in den „schmutzigen Krieg" verstrickte.

Unter Vietcong Fahnen vnd mit „Ho Ho HöTschi Minh Rufen stürmten die Neuen Linken vor vier Jahren durch Straßen und Hörsäle, Nur zu bald jedoch mußten die Demonstranten ihre Ohnmacht erkennen. In ihrer Verzweiflung fingen die einen an, es war die große Mehrheit, über die Mißstände in unserer (weltweiten) Gesellschaft nachzudenken "und auf systerriverändernde oder überwindende Reformen zu drängen. Die anderen, wenigen, denen der „lange Marsch durch die Institutionen" zu beschwerlich war, schritten zur Tat. Erst steckten sie Kaufhäuser an, nun werfen sie selber Bomben. Im Wintersemester 196566 war der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) noch relativ unbekannt. Damals diskutierte er am Beispiel Vietnam zum erstenmal grundsätzlich über das Problem der Gewalt. Die Auseinandersetzungen entstanden — so der SDS Führer Rudi Dutschke — aus dem „Widerspruch zwischen einem abstrakten moralischen Humanismus auf der einen Seite und dem Sich Freuen über die amerikanischen Verlustziffern in Vietnam auf der anderen Seite". Nun entdeckten und studierten die SDSMitglieder die Apostel der Gewalt aus den Ländern der Dritten Welt, die ihnen geläufiger von den Lippen gingen als ihre Stammväter Marx und Lenin. Sie begeisterten sich an den Vernahmen gläubig die Lehren des Guerilleros Guevara, der schon bald darauf in Bolivien scheiterte, und übertrugen Maos Thesen vom revolutionären Volkskrieg auf die deutschen Verhältnisse. Sie fühlten sich als Teil einer weltumspannenden Bewegung, die allerorten neue Vietnams — und das hieß: eine bessere Welt ohne Ausbeutung und Herrschaft — schaffen wollte.

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Herbert Marcuse hatte ihnen gepredigt, daß Protestaktionen ohne Gegengewalt allenfalls den Herrschenden als Alibi dienten. Welche Fomen und Mittel diese „Gegengewalt" anwenden sollte, darüber wogte der Streit lange hin und her. Während die Konservativen schon besorgt das Haupt wiegten, als 1967 der Schah von Persien mit Tomaten und Eiern bewörfen wurde, fanden sich genug respektable Liberale, die nachträglich den revolutionären Studenten Dispens erteilten: Wären nicht Steine in Fenster geflogen und Türen von Fakultätszimmern aufgebröchen worden, dann hätte es nie eine Universitätsreform gegeben.

Die Diskussion über Gewalt in der Bundesrepublik krankt bis heute hin an einem sprachlichen Mißverständnis. Da das Deutsche die angelsächsische Unterscheidviag zwischen power (Macht) tind violence (Gewalttätigkeit) gern verwischt, firmieren unter dem Etikett „Gewalt" so grundverschiedene Haltungen wie Partisanenkrieg, passiver Widerstand, gewaltlose direkte Aktionen im Stile von Gandfi, Martin Luther King und Lord Bertrand Russell und die von Berkeley importierte Taktik (go in, sit in, waltapparat dazu provoziert, die demokratischen und rechtsstaatlichen Formen beiseite zu lassen" wie es an der FU einmal fornraMert wurde. Die Studenten wollten durch ihre Aktionen das Bewußtsein der Menschen verändern, Solidarität herstellen. Doch weckte ihr Vorgehen auch gefährliche Reaktionen. Die Rechtspresse überschlug sich in ihrer Hetze gegen die „Langhaarigen", verängstigte Bürger bekamen Lynchgelüste, und eine verunsicherte Polizei ließ dem Gummiknüppel freien Lauf. Der Tod des Studenten Benno Ohnesorge, das Attentat auf Rudi Dutschke und die Osterunruhen 1968 ließen viele der Neuen Linken tief erschrecken: Konnten sie es noch verantworten, auf diesem Wege weiterzugehen? Durften, sollten sie „Gewalt gegen Sachen" anwenden, oder war es jetzt an der Zeit, auch mit „Gewalt gegen Menschen" zurückzuschlagen?

Die ZEIT befragte damals die Führer der Außerparlamentarischen Opposition — sie alle wollten, wenn überhaupt, nur noch „symbolische Gegengewalt gegen Sachen" zulassen und, außer bei Notwehr, keine Gewalt gegen Menschen anwenden. Sogar Rechtsanwalt Mahler, der Ostern 1968 den Sturm auf das Berliner Springer Hochhaus anführte, distanzierte sich vor Gericht von Steinewerfern und Brandschatzungen. Auch der bekannteste Wortführer der Apo, Rudi Dutsehke, der nicht auf Deutsche schießen wollte und deshalb in der DDR den Wehrdienst verweigert hatte, hat mehrmals Terror gegen Menschen als Kampfform abgelehnt. Aber zuweilen spielte er doch mit der Idee einer städtischen Guerilla. Indes: Noch sei es „konterrevolutionär und politisch gefährlich, Gewalt im Vietcong Sinne in unserer Gesellschaft anzuwenden". Nur für den hypothetischen Fall, daß die Bundeswehr einen Aufstand griechischer Freiheitskämpfer niederwerfen müsse, wollte er diese Möglichkeit nicht mehr ausschließen. Die „Nervenpunkte des Systems", gegen die sich der Angriff richten sollte, gleich ob mit oder ohne physische Gewalt, hat er in seinem letzten großen theoretischen Aufsatz genau bezeichnet: „Abgeordnetenhaus, Steuerämter, Gerichtsgebäude, Manipulationszentren wie Springer Hochhaus oder Sender Freies Berlin, Amerika Haus, Botschaften der Marionettenregierungen, Armeezentren, Polizeistationen und so weiter "

Als dieser Aufsatz gedruckt wurde — im April 1968 —, hatten in Frankfurt Andreas Baader und Gudrun Ensslin bereits zwei Kaufhäuser angesteckt — wenn auch zu nachtschlafender Zeit — eine sinnlose Tat, die ein Fanal sein sollte. Im Herbst desselben Jahres >—> inzwischen war die Neue Linke hoffnungslos zerstritten ad zerfallen — berichtete konkret Kolvanaisüa Ulrike Meinhof über den Baader Prozeß; voll Trauer über die ausweglose Revolution der Studenten, sah sie nun in der Illegalität das Heil.

Freilich hatten auch verschiedene Gruppen der Apo bereits die Oster Basis verlassen. Sie forderten nun die „offensive physische Gewalt" gegen die Polizei. Beim Ehrengerichtsverfahren gegen Apo Anwalt Mahler im Landgericht Tegel kam es zu schweren Schlägereien zwischen Demonstranten und Staatsgewalt — die Polizisten wurden mit einem Steinhagel eingedeckt. Nicht mehr lange, und die Berliner und Münchner „Tupamaros" machten von sich reden. Sie gingen mit Molotow Cocktails und Rohrbomben gegen die „Nervenpunkte des Systems" vor— es wai reu Sektierer, Abgeirrte, Fanatiker, Abenteurergestalten, die Mao und Marx auf ihre Art zurechtlegten. Was SpiegeZ Gerichtsreporter Mauz nach einer Diskussion mit Dutschke ahnungsvoll geschrieben hatte, traf auf diese Terroristen zu: „Die Gewalt, die dem Unverständnis entspringt, könnte Rudi Dutschkes Gefolgsmann werden " Im Mai 1970 befreite ein bewaffnetes Kommando Andreas Baader aus der Haft; Ulrike Meinhof half dabei. Doch es ging nicht ohne Blutvergießen ab — ein Angestellter wurde schwer verletzt. Was danach geschah, die Entstehung der „Bäader Meinhof Gruppe", der „Rote Armee Fraktion", ist bekannt. Ihr Konzept einer Guerilla auf deutschem Boden liegt in Dutzenden von Schriften und Flugblättern vor. Renate Riemeck, geistige Ziehmutter von Ulrike Meinhöf, urteilt in ihrem Vorwort zu einem Sammelband von Meinhof Artikeln, der demnächst im kon Stadtguerillas nicht, als sie Baader herausholten. Das Konzept ist eine nachträgliche Konstruktion, eine Art von Rechtfertigungsschrift, nicht frei von geistigem Hochmut und mit moralischen Einsprengseln versehen, die — dessen kann man gewiß sein — von Ulrike stammen. Sie ist fest verklammert in das Geschick der B&M Gruppe. Sie wird sie nicht verlassen, denn sie wird lieber untergehen wollen, als etwas tun, was ihr als Verrat erschiene "

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