Wenn das Beispiel der Fluglotsen Schule macht, müßte dies unabsehbare Folgen haben Die wehrlose Gesellschaft
Die Fluglotsen der Bundesrepublik tragen ihren Streit mit der Regierung erneut auf den Rücken der Passagiere aus. Ob Mütter mit Babys, Kranke oder eilige Geschäftsleute, deren gesamter Terminkalender durcheinandergerät — sie alle sind der Willkür der Herren im Tower ausgeliefert.
Dieses Beispiel macht wieder einmal deutlich, daß unsere auf Arbeitsteilung und Spezialisierung ausgerichtete Gesellschaft immer leichter auch von kleinen, aber gut organisierten Gruppen erpreßt werden kann, sofern ihre Mitglieder nur über die notwendige Skrupellosigkeit verfügen, Dies zeigte auch der Streik der 2300 Pariser Metro Eahrer vor gut einem halben Jahr. Knapp sieben Prozent der Metro Angestellten stürzten die französische Hauptstadt für acht Tage in ein unbeschreibliches Chaos. Der Grund: Durch eine neue Einteilung der Lohngruppen hatte sich der Abstand zwischen ihnen und der am zweitbesten bezahlten Angestelltengruppe von 600 auf 400 Franc verringert. Sie fühlten sich beleidigt.
Auch die britischen Zugführer sind schon mehrfach aus ähnlich nichtigem Anlaß in den Streik getreten. Die englischen Bergleute nahmen es in Kauf, daß als Folge ihres Streiks zu Anfang dieses Jahres 2 5 Millionen Landsleute arbeitslos wurden und die Bevölkerung oft den halben Tag ohne Strom blieb. Krankenhäuser, mußten wegen des Ausfalls aller elektrischen Einrichtungen Patienten abweisen. Ungereinigte Abwässer flössen in die Flüsse, weil die Pumpen der Kläranlagen nicht mehr arbeiteten Die Straßen waren nicht mehr beleuchtet, Eisenbahnzüge blieben stehen, die Lebensmittelversorgung stockte.
Derart chaotische Zustände sind uns bis heute erspart geblieben, weil sich die Spezialisten in Wirtschaft und Verwaltung ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewußt geblieben sind Über den Ärger und die Schwierigkeiten hinaus, die die Fluglotsen den wehrlosen Passagieren bereiten, besteht aber die Gefahr, daß derartig schlechte Beispiele die guten Sitten verderben.
Hochgradige Spezialisierung und Arbeitsteilung ist einer der Schlüssel für die Leistungsfähigkeit der modernen Wirtschaft. Sie macht sie gleichzeitig aber äußerst verwundbar. Sobald die „Unersetzlichen" in Wirtschaft und Verwaltung zu Cliquen werden, die nur noch ihre eigenen Interessen verfolgen und" ihre Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit vergessen, können sie praktisch, jede Forderung durchsetzen. Das gilt für Ärzte und Krankenschwestern ebenso wie für Lokomo- tivführer, das Computerpersonal oder die Arbeiter in Elektrizitäts- und Wasserwerken — um nur einige Beispiele zu nennen.
Wenn diese Spezialisten hart bleiben und sich um die öffentliche Empörung den Teufel scheren, können sie auch weit überzogene Forderungen durchsetzen. Die Gesellschaft ist gegenüber dieser Form der sozialen Erpressung nahezu hilflos. Da es aber immer mehr Berufsgruppen gibt, die ein derartiges Spiel treiben können, nützt es schließlich keinem und schadet allen — am meisten natürlich denjenigen, die sich nicht wehren können oder denen es ihr Gewissen verbietet, sich mit Erpressermethoden im Verteiluneskampf durchzusetzen. Michael Jungblut
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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