Die Welt des Wie
Alfred Andersch. und seine ausladenden Feuilletons Von Hans-Georg Behr
Die „modische Abneigung gegen preußische man kann es ihm nicht verdenken, wenn man ihn einmal selber in der exotisch verfremdenden Kulisse des Tessin gesehen hat, ein Stück Fleisch gebliebenes neunzehntes Jahrhundert. Daß dieser Vergleich sich keinesfalls nur durch Äußerlichkeiten legitimiert, beweist sein Katalogziegel zwanzigjährigen Feuilletonhandwerks — Alfred Andersch: „Norden Süden rechts und links", Von Reisen und Büchern 1951—1971; Diogenes Verlag, Zürich; 370 S, 16 80 DM. Das Feuilleton ist in Mißkredit geraten, als Seelenmassage für Bildungsbürger, als Riesenbaby der im neunzehnten Jahrhundert so beliebten Miszellen, als Belanglosigkeit für Ästheten. Und die es heute noch schätzen, vertreten oder schreiben, geraten in die Nähe jener Nostalgiker, die in Trödelläden nach Krimskrams aus Omas Zeiten suchen „Das Feuilleton als Ausdruck der Zeitflucht" ist eine Dissertation, die noch nicht geschrieben wurde, und Alfred Andersch nähme in ihr gewiß einen Ehrenplatz ein.
Ganz eigentlich jedoch gehört Andersch in die Literaturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Seine Form des Feuilletons hat er ebenso exakt übernommen wie die des Romans, und auch seine Sprache scheint der hohen Zeit der preußischen Offiziere entlehnt. Ein Altmeister inmitten unfreiwilliger Feuilletonisten, ein Herr, der vor undenklichen Zeiten in den Schlafrock des alten Heine hineingewachsen ist, dem Prinzip des über allen Dingen schwebenden Kritikers verpflichtet, Kompositionsschwierigkeiten elegant mit 1, 2, 3 umschreibend, ab und zu galant eine „Adnote" einfügend oder nur — als wäre alles andere etwas ganz anderes — eine „persönliche Karl Kraus und erst recht heute gar nicht mehr dürfen.
Andersch darf, weil er kann. Wir brauchen die Epigonen von Format, um uns überhaupt wieder über Epigonismus klarzuwerden, fernab der tröstlich flachen Geibel Formel: „Nennt Epigonen uns immer! Ein Tor nur schämt sich des Namens, der an die Pflicht ihn mahnt, würdig der Väter zu sein Kein Denkmal des neunzehnten Jahrhunderts regt so zur Reflexion an über die Zeit des lebenden Marx, des jungen Liberalismus und des historisierenden Bildungsnippes wie ein lebender Andersch. Und: er trägt den Zuspätgeborenen stolz, mit Würde und Anstand, und auch dieser ist maßgerecht neunzehntes Jahrhundert. Reisebilder machen das erste Drittel des Buches aus, als sei die Erstausgabe der Heineschen die Frankfurter Vorjahressensation gewesen. Aus den Museen von Oslo, den Archiven Londons, den steinernen Fossilbehältern Roms quillt quietschlebendig die Vergangenheit. Skelette haben Pfirsich Wangen angelegt und feiern als frischgestillte Vampire Feste zwischen Brügge und Sardinien, während die Gegenwart blutlos zu Boden sinkt. Ab und zu, ganz selten, stolpert Andersch dann über sie, aber er fängt sich gleich wieder und hält sich dabei nicht lange auf. Es gibt Wichtigeres: im Jahre 1960, fernab von den nebenan stinkenden Asphaltpisten, eine Karrenspur so lange zu verfolgen, bis man genau festgestellt hat, daß sie sich in dem frühen Gemälde des alten Holländers X im Museum von Y verliert, eine vergleichende Kunstgeschichte zu entwerfen zwischen dem Rijks Museum und heutigem sardinischen Bauernelend. Gut, dieses wird sich, irgendwie, bessern. Das ist schön, aber ein unersetzlicher Verlust für Ästheten. Auch dieses Dilemma stammt aus Großvaters Zeiten. Es ist „wie" Literatur, der tote Papst sieht aus „wie" ein Kieselstein (den jemand aufgehoben und fallengelassen hat), Antonioni „wie" ein römischer Kaiser (Spätzeit, Vergleichsobjekte im Thermenmuseüm zu besichtigen), alles „wie", und die Welt, soweit Anderseits Auge reicht, besteht aus einsamen Höhenzügen, zerfallenden Kirchen, verlassenen, staubvergoldeten Häusern vergangener Jahrhunderte, malerischen. Lumpen und schönen, vereinzelten, aus Gemmen geschnittenen Menschen, die sich im nächsten Absatz meist als vor tausend Jahren verstorben erweisen.
Und wie der Köchin in „Meggendorfers Humoristischen Blättern" alles zu Klopsen, wird Andersch all dies zum exklusiv geschriebenen Katalog eines musee imaginaire. Mit Quellenangabe und reichlich angeführten Vergleichsobjekten, denn der im Reisegepäck mitgeschleppte Bildungsballast wiegt zentnerschwer.
Zwei Drittel des Buches, jedoch sind, der Literatur von heute gewidmet, und da erweist sich, daß mit dem Spielbein der Gegenwart leicht ins Fettnäpfchen tritt, wer in der Vergangenheit ein so sicheres Standbein hat; Die Anstandsregeln des neunzehnten Jahrhunderts für Rezensenten sind unerbittlich: der Kritiker als Archivar, umfassend gebildet, beauftragt mit der Katalogisierung und Etikettierung von Zeitgenossen für die Nachwelt. Und natürlich: „Ich" reichlich angewendet werden, aber nur als Über Ich.
Es sind also keine Rezensionen im üblichen Sinn, eher Essays. Ihre Form beherrscht Andersch meisterhaft, und ihr Inhalt ist stets gut gemeint. Andersch wühlt sich als Maulwürf mit Bibliothek durch die Belletristik von Mann über Böll bis Robbe Grillet, um abschließend jeden Autor zu streicheln. Er mag Simenon und überhaupt alle, alle, und sagt so lange Löbliches, bis es eigentlich nichts mehr sagt.
Soll man einem so liebenswerten, so gebildeten Herrn übelnehmen, daß er von Jünger „entzückt" ist, wenn er auch allen Ernstes ausgeredinet Enzensberger als Liberalen bezeichnet?
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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