Einer für fünf
Dieter Rot in Basel Von Petra Kipphoff
Jeder, der ein bißdien Kunst von heute kennt, erkennt, zum Beispiel, einen Lichtenstein, und wenn er dann, auf dem Bild eines anderen Künstlers, die bekannten Rasterpunkte erblickt, stellt er, halb zufrieden und halb vorwurfsvoll, fest, daß diese von Lichtenstein gestohlen sind. Jeder, der ein bißdien Kunst von heute produziert, hat das Bedürfnis, so sdinell wie möglidi seinen eigenen Liditensteinschen Rasterpunkt zu entdecken und sich auf diesem Umweg über die Fixierung auf ein Thema, einen Stil oder ein Material sein Quentchen Originalität, seine kleine MarktNische zu sichern. Als gelungen kann das Unternehmen in dem Moment bezeichnet werden, in dem die Zahl der Kunst Betrachter, die auch ohne langes Hinsehen in den Ruf „Aha, ein XY" ausbrechen, eine gewisse Mindestgrenze zu überschreiten beginnt.
Mit anderen Worten: Dasj was man früher, einem vagen Individualismus huldigend, die „Handschrift" eines Künstlers nannte, ist heute, schlicht und ohne alle Umschweife, zu einem präzisen Markenzeichen geworden. Eine fatale Lage ist dadurch entstanden: Das Publikum, von einer Kritik programmiert, die den schwankenden Boden des Qüalitätsbegriffes gegen die fragwürdigen Gefilde des Innovationswertes vertauscht hat, ist auf der Suche nach Markenartikeln und bekommt doch meist nur neue Firmenstempel geboten. Die Künstler, die einmal den Sprung über Steiffs Knopf im Ohr Grenze geschafft haben, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Produzieren sie weiterhin, das, was man von ihnen erwartet, dann kommt nach absehbarer Zeit bestimmt die wohlmeinende Aufforderung: „ sollte XY sich auch mal an ein anderes Sujet (Material, Arbeitsverfahren) heranwagen, um zu zeigen, daß er einer Entwicklung fähig ist Bleiben die Künstler jedoch nicht bei dem, wofür sie bekannt geworden sind, so heißt es bestimmt: „ hätte XY, in falsch verstandenem Ehrgeiz, sich doch lieber nicht auf Experimente einlassen sollen, mit deren Ergebnissen er unter sein eigenes Niveau geht "
In dieser Situation, die sidi aus dem steigenden Angebot wie dem wachsenden Interesse an Kunst ergeben hat, in dieser Situation, die natürlidi und glücklidierweise nicht die ganze KunstSzenerie beschreibt, fällt ein Mann auf, der immer wieder gegen den eigenen Strom schwimmt, der in einem dauernden Versteckspiel mit sich und dem Publikum begriffen scheint, dessen Fortbewegung darin besteht, Haken zu schlagen: Dieter (zuweilen auch: Diter) Rot. Die umfassende Retrospektive seiner Werke, die jetzt in der Basler Kunsthalle (bis zum 25. Juni) zu sehen ist, ist die kurioseste Ein Mann Schau, die ich in den letzten Jahren gesehen habender eine, dessen Werk hier gezeigt wird, mimt mindestens noch vier Kollegen mit. Denn auch die Basler Ausstellung zeigt noch nicht alles, was Dieter Rot ersonnen und produziert hat. Zum Beispiel keine Objekte und keine Filme; zum Beispiel nicht alle Publikationen „Die Liste seiner Veröffentlidiungen", so heißt es auf dem Klappentext eines Buches, „umfaßt mehrere Seiten, die der Verlag auf Anforderung interessierten Lesern gern zur Verfügung stellt "
Der Anfang von Dieter Rot, 1930 in Hannover geboren, in der Schweiz aufgewachsen, heute teils auf Island, teils in England und Deutschland lebend und arbeitend, paßt noch gut in eine Künstler Biographie hinein: Da sind zunächst, Ende der vierziger Jahre, Linolschnitte und Radierungen mit gegenständlichen Motiven. Es folgen serielle Versuche, bei denen optische Effekte durch ein kalkuliertes Spiel mit Farbverschiebungen und Form Variationen erreicht werden. Aber die Freude am Experiment, die eine der wesentlichen Antriebskräfte Dieter Rots zu sein scheint, kollidiert sdinell mit den Grenzen, die jeder mathematisdi ausgeriditeten Kunst gesetzt sind, und alles, was er dann, ab Mitte der sechziger Jahre, madit, zeigt, daß es Dieter Rot nicht um einen Ausschnitt geht, sondern um die Totale „Nimm Zeichen und lies die Welt", sdireibt er in seinem Budi „Mundunculum", seinem schönsten Kunstund Literatur Werk.
Dieter Rot nimmt alle Zeichen, alle Formen und alle Materialien, und er transformiert das eine in das andere. Er bringt die Formen durch Wiederholung und Verschränkung in Schwingung, löst sie auf in Bewegung, so daß aus dem zigfach repetierten Umriß eines Motorradfahrers eine ganze Startsekunde wird. Er nimmt die Materialien mitsamt ihrem Eigenleben und läßt die Scheibe Salamiwurst, die er an der Schnittlinie zwischen einem hellblauen und einem rosa Karton appliziert, so lange vor sich hin schwitzen, bis der Fettfleck sich zu dem gewünschten „Mittleren Sonnenuntergang" entwickelt hat.
Freilich: wo alles Welt ist, sind alle Zeichen, für die man sich entscheidet, auch Zeichen der Verzweiflung, die in der totalen Grenzenlosigkeit liegt. Da ist der Camembert, der leise an der Wand vor sidi hinmodert, auch Zeichen eines Kampfes gegen Windmühlenflügel, der hier stattfindet. Denn daß die Welt im Vergrößerungsglas und im Brennglas betrachtet werden kann, weiß Dieter Rot auch. In der Siebdrudsserie „6 Picadillies", einer so spielerischen wie perfekten Demonstration der Möglidikeiten dieser Technik, hat Rot, von der Vorlage einer Postkarte ausgehend, sechsmal denselben begrenzten Ausschnitt einer begrenzten Welt gezeigt, die sechsmal eine total andere ist: hermetisch grau vernebelt oder farbig klar umrissen, in impressionistische Farbvaleurs sich auflösend oder zu einer Vielfalt des Gegenständlichen sich konturierend.
Die Welt und die Zeichen: In „Mundunculum" hat Dieter Rot versucht;, sein eigenes Alphabet zu entwickeln, ein visuelles Vokabular, hat 23 Bildelemente entwickelt und ata Gummistempel hergestellt, die in ihrer Funktion und Verwendbarkeit den 23 Buchstaben des Alphabets gleichkommen sollen. Und was Rot selber mit seinem Bilder Alphabet aus Herz- und Blüten, Kopf , Kreis, Hut- und Motorradformen an selbständigen Bildwelten geschaffen hat, das erinnert durchaus an das Wunder, das aus Buchstaben Wörter und Welten wachsen läßt, das läßt jene Symmetrieachse der menschlichen Vorstellungskraft sichtbar werden, die Rot im „Mundunculum" Text beschreibt, die von der „Explosionskraft" und der „Implosionskraft" gebildet wird „Explosiv ad infinitum" und „implosiv in infinito", das sind die Konditionen, unter denen Kunst entsteht. „Ad infinitum" und „in infinito": Es gibt ein „Selbstportrait" von Dieter Rot, das im Ausstellungskatalog als „4 Drucke in Mappe mit Etikett" ausgewiesen ist. An der Wand der Basler Kunsthalle hängen vier; MappendeckeL hinter Glas mit vier verschiedenen Etiketten, Variationen im Schulheftstil. Für Dieter (Diter) Rot, der in diesem Jahr eine Serie strenger, ganz „implosiver" Radierungen gemacht hat, sind viele Etiketten möglich.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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