Es darf geschossen werden

Sieben Jahre lang, sagt der Artist Ralf Bialla , habe er sich auf seine große Stunde vorbereitet, ballistische Studien getrieben, die Instrumentierung des Auftritts erprobt, sein Gebiß präpariert und jenen Trick, der kein Trick sei, erdacht, den nicht einmal seine Frau kenne und den er, wie so viele Meister seines Fachs, mit ins Grab nehmen wolle.

Sieben Jahre Probe, dann die große Show: Männer betreten die Bühne (einmal nur wars eine Dame, eine Reporterin der Bild Zeitung: so Frau Bialla), nehmen das Gewehr, legen es auf eine Stütze (weil es das Amt für Öffentliche zerschießen, auf dem Weg durch die Glasscheibe, zunächst eine Konservendose und zielen dann, nach dem Kommando eins, zwei, Feuer auf Biallas Mund — genauer: auf die ledergepolsterte Daumenspitze, die sich oberhalb des Mundes befindet. Zwischen dem Kinn und der Brille aus Panzerglas, die der Artist, trägt, um das AugenGefragt wurde: Warum läßt dieser Mahn auf sich schießen? Und: was bewegt die Schützen, auf das Gesicht eines Menschen zu schießen? Die Antwort auf die erste Frage war klar und präzise. Die Konkurrenz ist groß, sagte Bialla, wer nicht untergehen will, im Schaugeschäft, muß etwas Besonderes bieten, eine Attraktion wie the living oder mondanen Clubs; Gage zwischen 300 und 2000 Mark ) The living target mit viel Schaustellerei, (Ich darf Sie beim Vornamen nennen? Variationen des festgelegten Programms (bei einem bunten Abend für Ärzte wurde der Schütze nicht etwa Herr Willie oder Herr Max, sondern standesgemäß Herr Doktor genannt) und mit stürmischer Umarmung der Schützen am Ende der Schau jener Zirkus Täter, die, vom Autor der Sendung befragt, vor der Kamera Rechenschaft über die Motive ihres Auftritts ablegten: „Ob ich oder ein anderer schießt, ist vollkommen egal „Er muß einen Schützen haben, sonst ist er verloren (Ein Satz, den Bialla bestätigt: „Ohne Schuß kann ich nicht erfolgreich arbei;ten ") „Das ist schließlich sein Job „Schießen nacht mir eben Spaß „Ich wollte sehen, ob ich loch gut schießen kann "

Anzeige

In der Tat, die Bestandsaufnahme sprach für sich selbst. Die Äußerungen eines sich kleinbürgerlich gebenden Mannes namens Bialla (beleibt, Toupet Träger, vergleicht sich mit den Gladiatoren in Neros Circus) beleuchteten in gleicher Weise die Maxime „Geschäft ist: Geschäft" wie die Kommentare der Ehefrau und iie Aussagen der Schützen („Ich wollte überleben „Er muß weitermachen. Sonst ist es das Ende. Jeder Direktor denkt an sein Geschäft " „Das ist eben sein Job ") Um aber das Exemplarische dieser Jagd Situation zu bezeichnen, genügt die reine Schilderung, des Vorgangs nicht: Da bedarf es, über die Protokollierung und deren stereotype Wiederholung hinaus, der Deutung des Akts. Statt dem Betrachter am Bildschirm nichts weiter als das Gefühl zu vermitteln, „Es gibt schon seltsame Dinge in unserer Zeit", und den Gegensatz unaufgelöst bestehen zu lassen, „Ich kann an sich nicht auf Menschen schießen, aber hier war das anders", hätte man den Stellvertretungs Charakter des Zermoniells herausarbeiten müssen: Sadomasochistisch schießen" auf das living target jene, die selbst dazu verdammt sind, living targets zu sein. Freilich, um diese Pointe und ihre gesellschaftliche Begründung zu illustrieren, wäre eine sehr genaue und differenzierte Befragung der Akteure auf beiden Seiten nötig gewesen, beginnend mit einem Psychogramm des Artisten (Was denkt er, wenn er die Bühne betritt? Was, wenn er abgeht?. Was, wenn er verwundet wird?), sich fortsetzend in einer detaillierten Interpretation des Schießvorgangs selbst (hat schon einmal jemand aufgegeben und gesagt: „Nein, idi kanns doch nicht, solls bitte ein anderer machen!") bis hin zu der Deutung des Vorgangs, die sich nicht scheut, Erkenntnisse der Tiefenpsychologie zu verwerten. (Ein Satz wie der des schießenden Arztes: „Ich habe früher nur indirekt geschossen, mit Hilfe der Artillerie", will analysiert werden, der Ausspruch eines anderen Mediziners „Ich hätte nicht gegen die Veranstaltung protestiert, wenn ich gewußt hätte, daß mein Kollege etwas von Ballistik versteht" in seinem Gleichnischarakter erhellt sein: Triumph der Technik über die Moral!)

 
  • Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service