Fahndung ohne Beispiel
Rund 150000 Polizisten suchen die Bombenleger / Von Carl-Christian Kaiser Bonn, Ende Mai
Sogar bei der Bonner Frühjahrstagung der Nato war die- Bäader Meinhof Gruppe unsichtbar zu Gast. Die Außenminister und ihr Troß konferierten hoch über dem Rhein, in der 19 und 25. Etage des Abgeordneten Hochhauses, und der Zugang za ihnen glich einem tiefgestaffelten Abwehrsystem. Ein Kordon von Polizei- und Grenzschutzbeamten, diskret postiert, durch Funk lückenlos verbunden, schloß sich um den Tagungsort.
Ein noch martialischeres Bild bietet in diesen Tagen das Gebäude der Sicherungsgruppe Bonn: Bewaffnete vor den Türen, die Gehsteige abgesperrt, Stacheldrahtrollen auf der Grenze zum verwilderten Nachbargrundstück. Ein Beamter der Sicherungsgruppe nennt solche Schutzvorkehrungen „die sichtbaren Spitzen eines Eisberges". Das wahre Ausmaß der Fahndungs- und Sicherheitsmaßnahmen bleibt geheim, aber es ist kein Zweifel: Nahezu der gesamte Polizeiapparat der Bundesrepublik — rund 150 000 Mann — ist mit Vorrang auf die Bombenleger angesetzt. Die vor zehn Tagen in Gang gebrachte Aktion ist in der deutschen Kriminal- und Polizeigeschichte ohne Beispiel.
Dabei sind sich die Verantwortlichen in Bonn des grotesken Mißverhältnisses zwischen jener Fahndungsarmee und der Gruppe der Attentäter, die samt Helfershelfern auf 100 bis 150 Leute geschätzt wird, durchaus bewußt. Dennoch haben sie sich zur Aufbietung aller Kräfte entschlossen — nicht nur, um weitere. Anschläge zu verhindern, sondern vor allem, um unkontrollierbaren Reaktionen in der Bevölkerung vorzubeugen. Gerade in der Verängstigung und in möglichen radikalen Gegenaktionen der Bürger sehen die Sicherheitsbehörden ein Ziel der Guerillas: Die westdeutsche Gesellschaft soll in eine Reaktion getrieben werden, die den ihr von den Ideologen der Bombenleger angedichteten Faschismus als existent erweist.
Die Sorge der Polizei, zu einer solchen Eskalation selber beizutragen, erklärt auch, weshalb die Bevölkerung erst seit einigen Tagen im Fernsehen uad an den Litfaßsäulen zur Mitfahndung aufgefordert wird. Aber der Zwang, „Stecknadeln in einem Heuhaufen finden zu müssen (ein Kriminalbeamter), war dann doch stärker als alle Bedenken. Die Sicherungsgruppe Bonn hat indes bisher keine Panikreaktion bemerkt. Unter den inzwischen bei der Sicherungsgruppe eingegangenen 400 Hinweisen, zu denen noch mehrere hundert Tips bei örtlichen Polizeidienststellen kommen, befinden sich nur wenige Denunziationen mißliebiger Zeitgenossen.
Bei der Sicherungsgruppe laufen alle wichtigen Fahndungsfäden zusammen. Ihre für den Komplex „Baader Meinhof" und die Sprengstoffanschläge zuständige Sonderkommission ist inzwischen auf 60 Mann verstärkt worden. Der Sicherungsgruppe stehen alle Hilfsmittel des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden zur Verfügung. Die Aktionen der Sicherungsgruppe und des Bundeskriminalamtes werden ergänzt durch die Recherchen des Verfassungsschutzes, dessen Observationsgruppen ebenfalls verstärkt worden sind, und durch die Ermittlungen der amerikanischen Militärpolizei. Dieses ganze Auf gebot steht vor dem Problem, einen Tätertyp jagen zu müssen, der dem „herkömmlichen" Gewaltverbrecher weit überlegen ist. Ihn kennzeichnen vor allem unerschöpflicher Einfallsreichtum, große Mobilität und sehr hohe Intelligenz. Wenn auch die Pslizei seit der ersten Großfahndung vor über einem Jahr Erfahrungen gesammelt hat — die Verfolgung von Anarchisten ist für sie noch immer eine ungewohnte Aufgabe.
Dabei helfen auch keine Fingerzeige aus der Unterwelt, die bei der Fahndung sonst oft nützlü sind. Obwohl die Bombenleger irgendwo wohnen, essen und schlafen müssen und deshalb zwangsläufig mit anderen Menschen in Berührung kommen, hinterließen sie bislang offenbar ksine aufnehmbaren Spuren. Natürlich ist die weitverzweigte Verschwörung, wie sie von interessierter Seite immer behauptet wird, ein Gespenst. Aber die Fahnder sind doch ziemlich sicher, daß die Entdeckung der freiwilligen oder uafreiwilligen Helfershelfer mehr Überraschungen bringen wird als die Festnahme der Hauptschuldigen selbst.
Vermutlich werden die Nachforschungen auch durch die Unklarheit der Verfolger über das „Feindbild" erschwert. Eine Version lautet, der harte Kern der Attentäter bestehe unverändert aus Mitgliedern der Bäader Meinhof Gruppe, die sich durch Zuzug aus Westberliner Anarchistenzirkeln aufgefüllt habe. Andere neigen zu der Annahme, daß sich unabhängig von der BaaderMeinhof Organisation, allenfalls in lockerer Verbindung mit ihr, mehrere kleine Gruppen gebildet hätten.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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