Gegen den Strom
Zum erstenmal berichtet Peter Hucne! von den Jahren seiner Isolierung in der DDR mnummmt mmmmmmmmmmmmm-
Still, zurückgezogen und manchmal fast mürrisch, wenn ihn Freunde, Bekannte oder Neugierige besuchten, verbrachte Peter Huchel sein erstes Jahr im Westen als Gast der „Villa Massimo" in Rom, Er schrieb an einem Gedichtband und wollte sich durch nichts, schoji gar nicht durch die Schatten der Vergangenheit ablenken lassen.
Der Lyriker Huchel, der nie ein Politiker sein wollte, war 1945 — sozusagen durch historischen Zufall — ins kulturpolitische Getriebe der ostdeutschen Kommunisten geraten, deren Partei er nie angehörte. Die Zeitschrift „Sinn und Form", die er von 194 8 bis 1962 gegen viele Widerstände leitete und deren vierzehn Jahrgänge, ein Stück deutscher Literaturgeschichte geworden sind, bleibt mit seinem Namen verbunden. Auch heute, in seinem siebzigsten Lebensjahr, ist aus dem Lyriker kein Politiker geworden, kein Ideologe dieser oder jener Richtung, dem die Worte leicht oder leichtfertig über die Lifpen kämen. Was er mir — nach einem Jahr selbstauferlegten Schweigens — in langen Gesprächen berichtete und aufzuzeichnen erlaubte, dürfte dem Bild, das sich Propagandisten — hier und dort — von Peter Huchel machen, wenig entsprechen. Es ist nicht nur seine private Geschichte, es ist ein Stück deutscher Nachkriegshistorie. PETER HUCHEL: Nahezu acht Jahre lebte ich in meinem Haus in Wilhelmshorst bei Potsdam in vollkommener Isolation: keine Post, keine Bücher. Der Spitzel wohnte gegenüber. Von den wenigen Freunden, die mich besuchten, schrieb er jede Autonummer auf.
Dabei hatte ich in den ersten Jahren als Chefredakteur von „Sinn und Form", 194950, zur Zufriedenheit der offiziellen Kreise gearbeitet. Es gab zwar Kritik, Angriffe auch, aber dann auch viel Lob. Idi leitete die Zeitschrift ohne Rücksicht auf persönliche Verbindungen, a uch wenn Johannes R. Becher, der damals Präsident des Kulturbundes war, gerne eine Becher Zeitschrift aus ihr gemacht hätte.
Wie würden Sie das Prinzip definieren, unter dem diese Zeitschrift antrat? Was wollten Sie mit ihr?
HUCHEL: Ich wollte eigentlich gar nichts. Ich war damals 1948 Sendeleiter des Berliner Rundfunks, und Becher wollte mich zum Chefredakteur machen. Die sowjetischen Kulturoffiziere legten Wert darauf, einen leitenden Mann zu haben, der nicht in der Partei war. Ich hatte eigentlich gar keine Lust, aber Becher ließ nicht von mir ab: Er wollte die Zeitschrift zunächst „Maß und Wert" nennen — so hieß eine Zeitschrift, die Thomas Mann in der Schweizer Emigration herausgegeben hatte. Aber Mann überließ uns den Titel nicht, und Becher taufte die Zeitschrift schließlich „Sinn und Form".
War mit diesem Titel ein Programm gemeint? HUCHEL: Nein. Mir war er allzu anspruchsvoll, zu formalistisch. Dennoch war die erste Nummer ganz nach meinem Geschmack, und auch Becher war zufrieden. Aber schon nach der zweiten Nummer gab es die ersten Angriffe. Nach Meinung der Partei hatte ich zuviel Literatur aus dem Westen gebracht. Essays von Benjamin, Adorno, Horkheimer, Lukacs, Herbert Marcuse, Bloch, Hans Mayer und Ernst Fischer erregten Mißtrauen. Ich brachte Bert Brechts 3arlach Aufsatz, dessen Abdruck das SED Zentralorgan „Neues Deutschland" abgelehnt hatte. Damals galt in der DDR die Parole: Wer für Barlach ist, unterstützt den amerikanischen Imperialismus. Also wurde ich zu Becher zitiert, der mich beschimpfte. Sechs oder acht Jahre später war Barlach wieder geduldet, und Brechts Barlach Aufsatz stand in allen Schulbüchern. Die Kulturpolitik drehte sich ständig: Was heute stimmte, galt morgen nicht mehr und übermorgen wieder. Ich hielt meinen Kurs: Ich wußte, daß ich manchmal verzweifelt und mit verkrampften Rudern gegen den Strom schwamm. Dennoch erschien „Sinn und Form" weiter. Lag das daran, daß Sie mächtige Protektoren hatten?
HUCHEL: Ja, dem, würde ich — soweit Becher gemeint ist — zustimmen. Ungefähr bis zum fünften Jahrgang, bis Mai 1953. Das war kurz nach Stalins Tod, als jedoch die stalinistische Kulturpolitik noch auf dem Höhepunkt war — was geschah damals?
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







