Gestutzt
Ein Jahr lang durften Westdeutschlands Soldaten ihre Haare wachsen lassen, ein Jahr Jang durfte diese Armee „The German Hau Force" sein. Doch das ist jetzt vorbei, ab sofort werden die Haare bei der Bundeswehr wieder kurz getragen, sie dürfen Hemd- und Uniförmkragen nicht berühren und die Ohren nicht bedecken und zwar, wie ausdrücklich festgestellt wird, aus Gründen der Hygiene und Sauberkeit. Diese Motivation kann aber nur vordergründig sein. Denn die Haarfrage war noch nie primär ein hygienisches Problem, nicht in der Bundeswehr und auch nicht in anderen Bereichen der Gesellschaft. Daran ändert auch die wissenschaftliche Untersuchung, auf die sich das Bundesver teidigungsministerium stützt und die im übrigen nicht sonderlich überzeugend wirkt, nichts. Ginge es nämlich nur um Hygiene und Funktionstüchtigkeit, würde die Haarfrage nie so viele Diskussionen und so starke Emotionen hervorrufen. Dann hätte der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Fritz Rudolf Schultz, in seinem Wehrbericht dem Haarproblem nicht mehrere Seiten gewidmet. In seinem Bericht stellt er nämlich fest, daß der Streit um die Haarlänge das Spannungsverhältnis in der Bundeswehr verschärft habe. Und verschiedene Bundeswehroffiziere äußerten sich nach dem ersten Haarerlaß dahingehend, daß er die Soldaten zur Aufsässigkeit ermuntere und zur Aufweichung des Prinzips Befehl und Gehorsam führe.
Die Haarfrage muß also im Zusammenhang mit den Problemen der inneren Führung der Bundeswehr gesehen werden. Denn die Erlaubnis, lange Haare zu tragen, bietet dem Soldaten die Möglichkeit, sein Erscheinungsbild individuell zu gestalten, und widerspricht somit dem Priri zip der Uniformierung. Zudem empfinden auch viele Jugendliche ihre langen Haare als festen Teil ihrer - Persönlichkeit, der die Veränderung des Lebensstils und der Lebensauffassung gegenüber den Erwachsenen demonstrieren soll. Eine zwangsweise Kürzung der Haare stellt damit einen empfindlichen Eingriff in die persönliche Sphäre dieser Jugendlichen dar. Andererseits stellen viele Führungskräfte der Bundeswehr einen Zusammenhang her zwischen langen Haaren und der immer stärker werdenden Wehrunwilligkeit der westdeutschen Jugend, der Ablehnung der militärischen Ordnung, ja, überhaupt jeglichea Militärs.
Diese Leute werden den neuen Erlaß begrüßen, Zusammen mit all jenen, die schon seit jeher Sauberkeit, Zucht und Ordnung gepredigt haben. Doch die Probleme der inneren Führung werden durch solche Erlasse nicht gelöst, wenn nun auch einige Offiziere ein weiteres Instrument zur Disziplinierung und Unterdrückung in den Händen haben. Die Bundeswehr wird so nicht attraktiver, im Gegenteil, bei vielen Jugendlichen wird dieser Erlaß die Abneigung gegen die Bundeswehr verstärken, er wird sicherlich ein Grund mehr sein, nicht znr Bundeswehr zu gehen.
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- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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