Gewalt in Amerika

Der Mythos vom Wilden Westen reicht als Erklärung nicht mehr aus Von Barbara C. Beuvs

Nach den Schüssen auf Gouverneur Wallace konnte der Gegenkandidat McGovern sein Land nur noch dem Gebet empfehlen. Ein zynischer Kenner der amerikanischen Geschichte würde einen solchen. Rat für überflüssig halten. Kaum ein Land kann auf eine solche Bilanz der Gewalt im Innern zurückblicken, obwohl es lange Zeit nach außen — und vor sich selbst — den Eindruck von Ruhe und Stabilität ausgestrahlt und diese Auswüchse als Nation überlebt hat — wenn auch sicher nicht ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen.

Bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war diese Geschichte der Gewalt dank den Historikern, die offensichtlich anderes zu erforschen hatten, nicht ins Bewußtsein der Bevölkerung gelangt. Nach den einschläfernden EisenhowerJahren bewirkte der Ausbruch der Gewalt in den sechziger Jahren einen nationalen Schock, der noch heute nicht erklärt und überwunden ist. Die Schüsse von Dallas und Memphis, die brennenden Gettos und die Zeitbomben der „Wettermänner" — all das vor dem blutigen Hintergrund des Krieges in Vietnam — drohten einen Staat ins Chaos zu stürzen.

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Das Entsetzen wäre kleiner, das Verständnis größer gewesen, hätte man die Kenntnis von der Gewalt im eigenen Lärid nicht so lange verdrängt. Nun setzten die Präsidenten insgesamt fünf Kommissionen ein, um den Ursachen auf den Grund zu gehen. Zum erstenmal wurde die Gewalt ein Gegenstand historischer Forschung. Doch es blieb bei Teilaspekten — kein Wunder bei:der Menge des anfallenden Stoffes. Inzwischen gibt es den ersten Versuch einer repräsentativen. Dokumentation amerikanischer Violence seit den Tagen der Pilgerväter:

Richard Hofstadter und Michael Wallace (Hrsg ): „American Violence. A Documentary History"; Verlag Alfred A. Knopf, New York, 1971; 478 S, 2 95$ Die Herausgeber beschränken sich auf Beispiele kollektiver Akte der Gewalt und Einzelverbrechen von öffentlicher Wichtigkeit. Hofstadters Antwort auf die Frage, warum die amerikanischen Historiker die Geschichte der. Gewalt so spät entdeckten, erklärt schon zu einem Teil die Qualität und Stoßrichtung dieser Gewalt. Es waren die Bürger selbst, die unter- und gegenein, ander fürJtRuh%psl Qrdnungi sorgten. Der Staat wurde dabei nicht in Frage gestellt. Die Vereinigten Staaten haben keine revolutionäre Tradition. Nach Höfstadter geschah Gewalt dort immer aus einer konservativen Grundhaltung heraus. Sie war ein Mittel der Herrschenden und konnte darum so erfolgreich angewandt werden. Jedes Mittel war recht, um die Sonderstellung des weißen, protestantischen Amerikaners der Mittelklasse z u erhalten Die Autoren haben ihren Stoff nach Ursachen der Gewalt unterteilt: Vorweg stehen der Rassismus des weißen Mannes und die unterschiedliche ethnisch religiöse Herkunft: derer, die im Schmelztiegel Amerika Außenseiter: blieben. Es kommen hinzu religiöse, politische und nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe.

Niemand in Amerika ist so gewalttätig unterdrückt worden wie die schwarze Bevölkerung. Die weitaus meisten Aufstände in den Gettos wurden bisher von Weißen provoziert; nur ganz selten wagte es der schwarze Mann zurückzuschlagen. Die Rache der Herrschenden war in jedem Fall schrecklich. Das Lynchen wurde in Amerika erfunden, besonders im Süden unter Führung des Ku Klux Klan geriet es zu einer Art Volkssport. Zwischen 1865 und 1925 sind rund 5000 Menschen gelyncht worden, die über , wiegende Mehrzahl von ihnen Schwarze.

Was sich in den zwanziger Jahren langsam andeutete, wurde in den Sechzigern Wirklichkeit: Die Schwarzen in den Gettos reagierten nicht nur, sondern sie wurden von sich aus aktiv. Allerdings richtete sich ihre Gewalt nicht so sehr wie früher die der Weißen gegen das Leben. Ihr Hauptziel ist die Zerstörung des Besitzes der Weißen in den Gettos. Für diese schwarzen Rebellen scheint das gleiche zu gelten wie für die demonstrierenden Studenten und die bombenwerfenden „Wettermänner". Zum erstenmal bedroht die Gewalt im Innern die politische Stabilität Amerikas, weil sie sich gegen die etablierte Macht und damit das System wendet. Soweit Hofstadters Analyse " Eine Geschichte des Grauens ist der Kampf der Arbeiter in den Vereinigten Staaten um Anerkennung ihrer Gewerkschaften. Keine Arbeiterbewegung war so blutig wie die amerikanische. Nach vorsichtigen Schätzungen gab es seit dem Ende des Bürgerkrieges 160 Zusammenstöße zwischen Streikenden, Polizei und Miliz mit rund 700 Toten. Auch hier forderten die Herrschenden die Machtprobe heraus, wollten die „Gegner" nicht Umsturz, sondern nur ihren fairen Teil am Erfolg. Sozialistische Gedanken fanden in Amerika nie eine Mehrheit. Warum dann diese Brutalität? „Die Antwort auf diese Frage muß eher im Ethos der amerikanischen Kapitalisten gesucht werden, als in dem der Arbeiter "

Die Gewalt der Herrschenden richtete sich gegen Italiener, Iren und Asiaten, gegen Quäker und Mormonen, von den Indianern gar nicht Zu reden. Sie wurde sehr häufig mit der Feuerwaffe ausgeführt, und mit dem Hinweis auf den Gewehrkult ist für viele die Ursache der Gewalt schon erschöpfend behandelt. Dänach sind alle Amerikaner im Geiste Nachfahren jener schießerprobten Pioniere des Wilden Westens. Hofstadter weist überzeugend nach, daß tatsächlich nur eine ganz kleine Minderheit die sagenhafte „Grenze" erfahren hat, vielmehr Gewalt siel weitaus häufiger in den Städten austobte — ab eine Möglichkeit, sich mit den Problemen der Industrialisierung „auseinanderzusetzen". Hier liegt noch viel Brachland für die Forschung. Ebenso muß die Frage nach dem Klassenkampf neu gestellt werden. Höfstadter verneint sie ein wenig zu selbstverständlich. Ging die Gewalt nicht bisher höchst einseitig von einer „Klasse" aus? Gehörten die Angegriffenen nicht ebenfalls zu einer bestimmten Klasse, die auch ökonomisch gesehen im Nachteil war? Höfstadter gesteht freimütig, daß viele Fragen noch offen bleibei müssen, weil das bisherige Forschungsgerüst zi schwach ist, um darauf solide Analysen abzustützen.

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