Halb Rivalen, halb Komplicen - Großmächte im Geschäft

Nixons vorprogrammierte Heise nach Rußland / Von Andreas Kohlschütter

Die Moskauer Gipfelschau ist vorbei. Die _- Scheinwerfer sind erloschen, die Trinksprüche verklungen, das Echo der Sektkprken verhallt, die Tinte unter dem in zaristischen Prunksalen gemeinsam Unterschriebenen getrocknet. Die sowjetische Parteiprominenz, die sich, angeführt von Leonid Breschnjew, so augenfällig kollektiv der Weltöffentlichkeit zur Schau stellte, hat sich wieder ins Dunkel des Machtapparates zurückgezogen. Die Grew des amerikanischen Präsidentenjets, die eine arbeitslose Woche lang im leeren Lenin Stadion Baseball spielen durfte, sitzt wieder im Cockpit und nimmt Kurs auf Washington. Auf Präsident Nixon und seine Begleitung wartet wieder die Amtsroutine des Alltags im Weißen Haus. Auf der Moskauer Bühne, auf der die historische Begegnung zwischen Nixon und Breschnjew stattfand, bleiben zwei Dokumente zurück, in denen sich der Geist von Moskau" und die Substanz von Moskau spiegeln: erstens ein Schlußkommuniqu£ mit der Beschreibung der zweiseitigen Vereinbarungen, zweitens eine Grundsatzerklärung, die über den engen bilateralen Rahmen hinausreicht und Spurenelemente einer weltpolitischen Gemeinsamkeit enthalt, Hinweise auf das von Nixon und Kissinger oft beschworene „neuartige Verhältnis™ zwischen den Großmächten. Der Besuch in Peking war für den amerikanischen Präsidenten eine spektakuläre Entdeckungsreise in ein diplomatisch bisher unerschlossenes Land gewesen, bei der es galt, zuerst einmal Inventur zu machen. Die Fahrt nach Moskau dagegen war für Nixon eine nüchterne Geschäftsreise zu einem altbekannten Kunden mit dem Ziel, neue konkrete Abschlüsse zu tätigen auf der Basis einer im voraus genau berechneten und berechenbaren beiderseitigen Interessenlage. So kam es auf dein Moskauer Gipfel zu der demonstrativen Serienproduktion von handfesten Vereinbarungen über Weltraumforschung, Umweltschutz, Gesundheitswesen, Handel und Wirtschaft und vor allem — als Krönung — über die quantitative Begrenzung der atomaren Defensiv- und Offensivsysteme (SALT).

Die ostentative Ballung von konkreten Verhandlungsergebnissen, die schon vorpräpariert auf dem Tisch lagen und sehr wohl auch auf arideren Verhandlungsebenen hätten erzielt werden kön t nen, war von beiden Seiten beabsichtigt. Nixon will sie als glänzende Trophäe seiner erfolgreichen „Ära der Verhandlungen" im amerikanischen Wahlkampf präsentieren. Breschnjew aber kann jetzt beweisen, daß auf dem Moskauer und nicht auf dem Pekinger Gipfel der weltpolitische Höhenrekord gebrochen wurde und daß trotz China weithin noch immer die Spielregeln der Bipolarität gelten.

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China war zwar auch in Moskau als stiller Teilhaber mit von der Partie. Die sowjetische Angst vor einer Intensivierung der amerikanisch chinesischen Annäherung spielte eine wesentliche Rolle, daß die Moskauer Begegnung ohne Rücksicht auf die amerikanische Eskalation des Vietnamkrieges überhaupt zustande kam. Gleichzeitig schloß die sowjetisch chinesische Rivalität um Einfluß in Hanoi von vornherein den Vietnamhandel aus, den Nixon in Moskau abzuschließen hoffte. Das SALT Abkommen indes hat den Sowjets jetzt die Gewißheit gegeben, mit den Amerikanern endlich pari zu stehen. Die Gewißheit der Ebenbürtigkeit hat dem Moskauer Gipfeltreffen zum Erfolg verhelfen. Nur aus paritätischer Ernüchterung, aus der beiderseitigen Abkühlung ideologischer Leidenschaften und der Rückbesinnung auf die eigentlichen Prioritäten nationaler sowjetischer und amerikanischer Interessen läßt sich erklären, daß Vietnam, wo sowjetische SAM Raketen amerikanische nicht mehr als eine „Fußnote der Geschichte" wert war.

„Die Unterschiede in der Ideologie", so heißt es jetzt in der Moskauer Grundsatzerklärung, „bilden kein Hindernis" mehr für die Weiterentwieklung" friedlicher Koexistenzbeziehungen zwischen den beiden Großmächten. Die Zeiten Ton 1959 sind vorbei, als der damalige Vizepräsident Nixon in der berühmt gewordenen „Küchendebatte" den Sowjets Lektionen über die amerikanische Überlegenheit und über klassenlose Prosperität erteilte; überholt ist auch Präsident Kennedys missionarischer Kampfruf: „Wir werden jeden Preis zahlen, um den Triumph der Freiheit sicherzustellen"; passe Chruschtschows Protzerei aus dem Gefühl der Minderwertigkeit: „Wir werden euch begraben "

Jetzt heißt die Parole: Anerkennung des einen durch den anderen „nach dem Grundsatz der Gleichheit"; Eingeständnis, „daß der Versuch, sich auf Kosten der Gegenseite auf direktem oder indirektem Wege einseitige Vorteile zu verschaffen", mit dem Zwang zur Koexistenz unvereinbar ist. Klingt hier nicht auch die sowjetische Bereitschaft an, zusammen mit den Vereinigten Staaten eine fax mundi zu begründen und weltpolitische Ordnungsfunktionen zu übernehmen?

Noch Schreckt die Sowjetunion freilich vor den vollen Konsequenzen einer solchen Globalisierung ihrer Großmachtkumpanei mit den Vereinigten Staaten zurück. Nixons Aufforderung, von der „positiven Haltung" im bilateralen sowjetischamerikanischen Verhältnis sollten, „neue Impulse für die Lösung weiterer Probleme in anderen Teilen der Welt" ausgehen, konterte der sowjetische Staatspräsident Podgorny vorerst entschieden: „Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der UdSSR und den Vereinigten Staaten dürfen sich nicht zum Nachteil Dritter auswirken Zweifellos denken die Sowjets dabei aa ihre nordvietnamesische und arabische Klientel, die der Kreml nicht zähmen will und wohl auch gar nicht mehr zähmen kann. Die Formulierungen des Moskauer Kommuniques zu diesen zentralen Krisenherden sind dementsprechend vage — im Falle Mittelost — oder gehen sogar unversöhnlich auseinander — im Falle Vietnam. Dennoch hat der Moskauer Gipfel, was die Existenzfrage — die Vermeidung eines atomaren Konflikts und einer direkten Konfrontation zwischen den beiden Supermächten — betrifft, ein erstaunlich hohes Maß an realpolitischem Einvernehmen gezeitigt. Beide Kontrahenten sind sich offenbar darüber klargeworden, daß der Kernbereidv ihrer nationalen Interessen ein doktrinäraggressives Gegeneinander nicht länger zuläßt. Allerdings wird der Zwang und damit der beiderseitige Wille zum Konsensus in_dem Maße geringer, in dem sich Amerika und die Sowjetunion auch weiterhin in peripheren Machtzonen als Rivalen gegenüberstehen und einander dort, frei vom atomaren Risiko, Machtvorteile abzuringen erhoffen.

Nixon und Breschnjew haben in Moskau eine Brücke geschlagen. Der Amerikaner brachte als sein Bauelement die bitteren Erfahrungen des Uberengagements und der daraus resultierenden weltpolitischen Ermüdung der Vereinigten Staaten ein. Der Russe lieferte als Tragpfeiler ein neues, auf der endlich zugestandenen Machtpärität beruhendes Selbstbewußtsein. Es enthält sowohl kooperative wie expansive Energien. Und das bedeutet für das amerikanisch sowjetische Verhältnis: Eine Brücke steht, doch der Graben bleibt.

 
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