Ghemiegigant Montedison ist finanziell am Ende In die Arme des Staates?
Das Ultimatum kam am Vortag der Hauptversammlung. Hilf e „innerhalb von 36 Stunden und nicht innerhalb von 36 Monaten" forderte der Präsident des größten italienischen Chemiekonzerns Montedison von der Regierung. „Der Staat subventioniert die ENI und die sogenannten Privatunternehmen; dann kann er auch die Montedison subventionieren", eröffnete Cefis in einem Interview der Mailänder Zeitung „Corriere deflla Sera".
Den Zeitpunkt für seinen Alarmruf hat der Präsident mit gutem Gespür für Dramatik gewählt. Als der frühere ENI Präsident Cefis vor Jahresfrist zur Sanierung das Montedison Ruder ergriff, kündigte er bereits schwere Zeiten an. Den 250 000 Aktionären mutete er sofort einen Verlustabschluß von 800 Millionen Mark zu „Wir haben reinen Tisch gemacht hieß es damals. Für 1971 legt die Monredison SpA ihren Aktionären jedoch die Karten auf den kahl gefegten Tisch. Der Verlust ist mit<iber einer Milliarde Mark wohl der höchste in der Geschichte der europäischen Industrie. Rechnet man das Defizit der Tochtergesellschaften dazu, dann kommt man auf fast 1 3 Milliarden Mark rote Zahlen. Gegenwärtig verdient die Gesellschaft nicht eine Lira ihrer Abschreibungen oder Zinsen — und das bei fast neun Milliarden Mark Schulden, von denen über vier Milliarden auch noch kurzfristig sind.
Wenige Zahlen zeigen bereits das ganze Ausmaß der Misere: Bei 16 5 Milliarden Mark Anlagevermögen setzt die Gruppe nur zwölf Milliarden jährlich um. Und von den 180000 Beschäftigten sind mindestens 14 000 einfach überflüssig. Aber sie können nicht entlassen werden. Das verbietet nicht nur die italienische Sozialgesetzgebung, sondern auch die Stimmung im Lande.
Allein aus den als Krisenpunikte ermittelten Hauptverlustquellen kommt ein jährliches Defizit von einer Milliarde Mark. Was am absurdesten erscheint: Montedison muß auch im laufenden Jahr noch Anlagen für eine Milliarde Mark fertigstellen, die keine Rendite mehr abwerfen werden.
Riesige Fehlplanungen, mangelnde Forschungstätigkeit, Versagen der früheren Führung sind einige Gründe für die verzweifelte Lage, in der Italiens mächtigste Wirtschaftsgruppe geraten ist. Den Hauptgrund sprach jetzt Bugenio Cefis offen aus: Der Staat bürdet der Montedison als Hauptunternehmen der italienischen Grundstoffchemie mit der nationalen chemischen Programmierung Lasten auf, ohne genaue Direktiven für die Zukunft zu geben. Die Montedison kann in der Grundstoffchemie nicht produzieren, was sie will. Sie muß für jedes Projekt den nationalen Planungsrat um Genehmigung fragen.
Die hohen Investitionen dafür haben sich bisher nicht rentiert. Denn zum größten Teil stellt die Montedison Produkte her, die von anderen Konzernen in anderen Ländern erheblich billiger geliefert werden. Cefis will nun vom Staat wissen, welche Mittel er zu erwarten hat und attf was sich seine Gruppe in Zukunft einstellen soll. Denn in Rom, so ließ er durchblicken, wird zwar reglementiert, aber nicht langfristig geplant. Ohne rasches und entschiedenes Eingreifen der Regierung, so Cefis, sei eine Lösung der Krise nicht mehr möglich.
Als erstes verlangt Cefis, daß der Staat Betriebe für die 14 000 überflüssigen Arbeitskräfte errichtet, damit Montedison die alten Fabriken endlich schließen kann. In seiner Strategie baut der geschickte Manager, dem man als einzigem eine Reorganisation des Montedison Komplexes zutraut, allerdings auf weitere Expansion. Mit riesigem Kapitaleinsatz kauft Cefis die wichtigsten Unternehmen auf dem Gebiet der Arzneimittelherstellung, der Faserchemie und anderer Schlüsselproduktionen auf. Mit einer globalen Lösung, die auch eine aktive Preispolitik erlaubt, könnte er dann die großen Verfustlöcher stopfen. Aber dazu braucht er noch größere Mittel, die nur eine offene Sübventionspolitik der Regierung sicherstellen kann.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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