Ist die Revolution am Ende?
Trotz allem: Verbürgerlichung in Maos Reich / Von M. Y. Cho
Mao Look" bekannt), so kommt vielleicht bald wieder die Zeit, da sie, wie damals Tschu En lai auf der Genfer Konferenz 1954, einen eleganten Hut an Stelle der Ballonmütze tragen werden.
Zwar hat der chinesische Delegierte auf der UNCTAD Konferenz in Santiago versichert, China unterstütze „resolut" den „gerechten" Kampf der Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas gegen Imperialismus, Neokolonialismus und Tyrannei, aber er verschwieg die neuen Kontakte zu einer Reihe reaktionärer Länder, gar nicht zu reden von der Tatsache, daß das revolutionäre China die Revolutionäre in Ceylon oder in Ostpakistan in ihrem „gerechten" Kampf im Stich gelassen hat. Die Annäherung an die „imperialistischen" Vereinigten Staaten und die Versöhnung mit dem „revisionistischen" Jugoslawien hat kritischen Chinesen nicht nur das Dilemma der Großmacht China zwischen der revolutionären Ideologie und dem weltpolitischen Interesse deutlich werden lassen, sondern ihnen auch die Frage aufgedrängt, wie lange die Chinesen eigentlich noch, ohne unglaubwürdig zu werden, die Sowjets des Revisionismus beschuldigen können.
Manche nichtchinesische Asiaten, mit denen ich in China und Nordkorea gesprochen habe, schienen in der Tat die chinesische Außenpolitik bereits als „revisionistisch" und die chinesische Revolution als „verbürgerlicht" zu betrachten. Nicht wenige Chinesen schwiegen verlegen, wenn ich sie darauf aufmerksam machte. Tschen Yung kuei, der legendäre Bauernheld von der Tachai Produktionsbrigade (ein Mitglied des Kommunistischen Zentralkomitees) zeigte sich freilich standhaft, als er mir in einem Interview erklärte: „Wir heißen Nixon willkommen, wenn er hierher kommen will. Wir hätten ihn nicht eingeladen, hätte er nicht selber hierher kommen wollen. Der Imperialismus wird darum sein aggressives Wesen nicht ändern. Einerlei, ob Nixon hier gewesen ist oder nicht, wir werden nach wie vor gegen den Imperialismus kämpfen " Ob er noch im nächsten Jahr so reden wird? Um einem Mißverständnis vorzubeugen: Ich verüble China keineswegs die Normalisierung seiner Beziehungen mit der Außenwelt und würde es begrüßen, wenn eines Tages — vielleicht nach dem Tode Mao Tse tungs — auch die Versöhnung mit der Sowjetunion folgen würde. Meine Absicht ist es vielmehr, darauf hinzuweisen, daß auch die chinesische Revolution, wie die russische, allenfalls eine nationale bleiben wird. Auch das sozialistische China muß, seiner weltrevolutionären Rhetorik und den allgegenwärtigen Plakaten in ganz China zum Trotz, auf denen die Unterstützung der „revolutionären Völker" der Dritten Welt propagiert wird, genau wie jeder andere Staat dem nationalen Interesse in der Außenpolitik Vorrang geben.
Erstaunlicherweise ist die „Verbürgerlichung" der sozialistischen Revolution in China früher eingetreten als seinerzeit in der Sowjetunion. Meine Beobachtungen in China veranlassen mich zu der Annahme, daß die „Große Proletarische Kulturrevolution", auf die nach Mao periodisch weitere folgen sollten, nicht wiederholbar ist. Sie hat den revolutionären Elan der Bevölkerung derart, erschöpft, daß man sich heuts in China darüber nur noch lustig macht.
Ich kann das verlegene Gesicht meines Begleiters Liu nicht vergessen, als der Vize Vorsitzende des Revolutionskomitees der berühmten Tsinghua Universität in Peking, Genösse Ai, mir grinsend erzählte, wie Genösse Liu damals die Frau des Staatspräsidenten Liu Schao tschi mit attakkiert habe. Ich kann auch nicht die vielen Chinesen vergessen, die jeden Tag stundenlang vor unserem Ausländerhotel standen, um die Ausländer prüfend anzuschauen, oder die sich sofort um mich versammelten, sobald ich irgendwo einen Augenblick stehen blieb. Im China nach der Kulturrevolution braucht man nicht unbedingt, wie Klaus Mehnert meinte, ein Europäer zu sein, um als Sensation betrachtet zu wenden — es genügt, anders zu sein als die Chinesen.
Man macht es sich zu leicht, wenn man dieses Verhalten als „asiatische Neugier" abtut. Die Chinesen wollen wissen, was außerhalb Chinas geschieht; sie wollen auch andere Dinge als Revolution und Produktion kennenlernen. Sie nutzten jede sich bietende Gelegenheit, um durch mich etwas über das westliche Ausland zu erfahren: Eine Arbeitergruppe staunte sehr, als ich ihr erzählte, daß europäische Arbeiter jedes Jahr einen Urlaub bekommen. Die chinesischen Arbeiter kennen keinen Urlaub.
Die Kulturrevolution hat keine völlige Proletarisierung der Gesellschaft erreicht. So sind manche gutbürgerlichen Bräuche, die während der Kulturrevolution verurteilt oder abgeschafft wurden, inzwischen wieder zu beobachten. Eine junge ehemalige Arbeiterin, zur Fremdenführerin ihres Betriebes avanciert, hatte auffallend lange, gepflegte Fingernägel. Die hohe Funktionärin einer Produktionsbrigade ordnete sorgsam ihre Frisur vor dem Spiegel.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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