Kampf um Vogels Stuhl

Wer wird Münchens neuer OB? / Von Kilian Gassner München

Die bayerische Landeshauptstadt war in Hochstimmung. Am Freitag vergangener Woche jagten sich die Ereignisse „von stadtgeschichtlicher Bedeutung" (OB Vogel). Auf dem Marienplatz wurde grünes Licht für den „Münchner Verkehrs- und Tarifverbund" (amtliches Kürzel: MW) gegeben, der für (städtische) U Bahn und (Bundesbahneigene) S Bahn sowie die anderen Massenverkehrsmittel in Stadt und Region eine völlig neue „verkehrliche Integration" brachte, und am frühen Abend erstrahlte auf Millionen Bildschirmen zwischen Isar, Wolga und Sahara das 84 Millionen Mark Olympia Stadion. Es wurde in nüchternen („kein Verkehrschaos") bis euphorischen Worten („ein grandioses Meisterwerk") gelobt. Als dann im PremierenFußballspiel Gerd Müller das Leder zum 4:0 ins Sowjettor gelenkt hatte, meinte im Jubel der 80 000 ein Kommunalpolitiker: „Wenn jetzt am Sonntag Wahlen wären, würde Vogel wohl über 80 Prozent der Stimmen kriegen, denn ihm ist das doch alles zu verdanken "

Der Olympia Master und Motor des Verkehrsverbundes, Hans Jochen Vogel, steht indes nicht mehr auf den Münchner Wahllisten. Am 11. Juni wird sein Nachfolger für den Oberbürgermeisterstuhl gewählt. Es erscheint schon fast wie ein Märchen, daß vor sechs Jahren der SPD Kandidat Vogel 78 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Denn heute wird nicht ausgeschlossen, daß die Entscheidung erst in einer Stichwahl fällt, die notwendig würde, wenn der jetzige SPD Kandidat Georg Kronawitter auf Anhieb nicht einmal mehr die absolute Mehrheit erreicht. Auguren aber meinen, daß der SPD Mann wohl doch schon im ersten Sprung die Hürde nehmen wird, auch wenn ihn bild München im wöchentlichen „Leser Tip" auf 37 8 Prozent heruntergehandelt hat.

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In der weißblauen Metropole läßt sich vor dem Wählervotum kein Trend zum Zwei- oder Dreiparteiensystem erkennen; die rund 828 000 Wahlberechtigten sehen sich nicht weniger als zwölf politischen Parteien und Wählergruppen gegenüber, unter denen so anachronistische Relikte wieBayernparteiWählergemeinschaft der Evakuierten und Kriegsgeschädigten oder so undefinierbare Gebilde wie die „Freisoziale Union" sind. Und nie~ war das Angebot an OB Bewerbern so groß. Es sind ihrer sechs, neben Kronawitter Dr. Winfried Zehetmeier (CSU), Hans Engelhard (FDP), Hans Schneider (DKP), Ferdinand Buhl (Bayerische Staatspartei) und Dr. Günther Müller (Soziale Demokraten 72).

Auftrieb mag den Ferner LiefenKandidaten der Umstand gegeben haben, daß die beiden großen Parteien keine Stars, sondern gewissermaßen Männer der zweiten Wahl präsentieren. Kronawitters Nominierung, eine Vogel Idee, war ebenso erst im zweiten Anlauf zustande gekommen wie die des CSU Mannes Zehetmeier. Denn zunächst setzten die Christsozialen auf ihren populärsten Kommunalpolitiker, den jetzigen 1. Bürgermeister Steinkohl; als dieser absagte, weil er lieber Chefarzt bleiben will, mußte sich Zehetmeier auch noch gegen einen vom eigenen Bezirksvorsitzenden der Partei überraschend nominierten Gegenkandidaten durchsetzen.

waren bis vor etwa einem Jahr für die Münchner Wähler noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Georg Kronawitter, 44 Jahre alt, bisher Agrarexperte seiner Fraktion im bayerischen Landtag, hatte sich durch seine Auseinandersetzungen mit dem steinreichen Bankier und Großgrundbesitzer von Finck hervorgetan und als „Schreckgespenst aller Grundstücksspekulanten" (Süddeutsche tungsstreit innerhalb der Münchner SPD konnteer sich heraushalten. Wie weit es ihm als etwaigem OB gelingt, dem Druck der Funktionäre zu widerstehen, ist eine andere Frage. Kronawitter wirbt frühmorgens vor Fabriktoren, mittags in der Fußgängerzone, abends auf mindestens zwei Veranstaltungen, 40 000 Plakate zeigen abwechselnd ihn allein oder zusammen mit Vogel. Aber:

„Den Stil Dr. Vogels will ich nicht kopieren "

die seit Monaten läuft, hat auch die CSU ihren OB Kandidaten populär gemacht, wobei über den Pfeifenraucher Zehetmeier bald der Witz kursierte, in einschlägigen Geschäften würde jetzt ständig der „Zehetmeier Tabak, der überall plakatiert ist", verlangt werden.

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