Kaum Geld für neue Bücher

Die Lage war noch nie so paradox: Während die gesellschaftliche Notwendigkeit der Theater immer häufiger in Frage gestellt wird, rufen die Geldsorgen eben dieser Theater Sdiaren von Kommentatoren auf den Plan, deren Wehklagen dicke Archivordner füllen. Bei den Bibliotheken dagegen ist es genau umgekehrt. Ihren Nutzen als Informationsvermittler in einer von der Information lebenden Gesellschaft bestreitet niemand, aber von ihrer Finanzmisere nimmt die Öffentlichkeit kaum oder wenig Notiz.

Nur- ab und zu lassen Alarmsignale aufhorchen. So meldete beispielsweise die „Frankfurter Allgemeine" im Februar dieses Jahres, daß die Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen vom niedersächsischen Finanzministerium angewiesen worden sei, für 1972 nur 43 Prozent ihres VorJahresetats einzuplanen. Diese Etatkürzung um mehr als die Hälfte, die dazu beitragen sollte, die Finanzmisere des norddeutschen Flächenstaates ein wenig zu lindern, hätte für die Göttinger Bibliothek dn totalen Verzicht auf den Ankauf von neuen Büchern und Zeitschriften bedeutet. Diese Nachricht ist symptomatisch, weil sie zeigt, wie unbeschwert Finanzpolitiker den Rotstift gebrauchen, wenn es um kulturelle Institutionen und speziell um die lobbylosen Bibliothe- ken geht. Aber sie ist nicht typisch, denn di Lage der Bibliotheken unterscheidet sich ebenso wie die ihrer Finanziers.

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Das im Münchner Verlag Dokumentation erschienene Internationale Bibliotheks Handbuch weist für die Bundesrepublik und Westberlin 3700 öffentliche und nicht öffentliche Bibliotheken aus. Die Palette reicht von der Bayerischen Staatsbibliothek mit 3 5 Millionen Bänden, der größten Buchsammktng der Bundesrepublik, bis zu kleinen Spezialbüchereien, die nur über zweibis dreitausend Bände verfügen. Und sie reicht von Universität- und Institutsbibliotheken über öffentliche, kirchliche und Werksbüchereien bis zu Bibliotheken in Verbänden, Behörden, Schulen und Vereinen.

Die überwiegende Mehrzahl der bundesdeutschen Bibliotheken wird aus öffentlichen Geldern finanziert: die Staats, Landes, Universitäts- und universitären Ihstitutsbibliotheken aus den Kassen der Länder, die öffentlichen städtischen Büchereien aus den Etats der Kommunen. Die großen wissenschaftlichen Einrichtungen erhalten zuweilen auch Zuwendungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft und privater Stiftungen. Die Stadtbüchereien in kleinen Gemeinden werden zum Teil — freilich meist mit sehr geringen Summen — noch, von ihrem Kreis oder vom zuständigen Bundesland unterstützt.

Private Spenden für staatliche oder städtische Bibliotheken muß man mit der sprichwörtlichen Lupe suchen. Selbst Institute, die sich noch vor Jahren der Gunst der Mäzene erfreuten, stehen heute vor versiegenden Quellen. Das Kunsthistorische Institut der Universität Bonn beispielsweise konnte seine Bibliothek noch 1962 zu mehr als 60 Prozent aus Spenden finanzieren. Der Sachetat von 41 600 Mark bestand damals zu 25 100 Mark aus privaten und nur zu 16 500 Mark aus staatlichen Geldern. In diesem Jahr stehen dem Institut für seine Buchsammlung 60 000 Mark zur Verfügung, von denen jedoch nur 8000 Mark aus privaten Spenden stammen. Dagegen kann sich manche private Bibliothek besserer Chancen rühmen. Der Deutsche Verein für Versicherungswirtschaft in Berlin zum Beispiel kann in diesem Jahr für seine Bücherei rund 40 000 Mark ausgeben, die aus Mitgliederbeiträgen sowie aus Spenden anderer Privatleute und einiger Versicherungsgesellschaften aufgebracht wurden.

Unter den aus öffentlichen Mitteln finanzierten Instituten stehen die Staats- und Universitätsbibliotheken noch am besten da. Sie profitieren von der Tatsache, daß das Büdungswesen seit einiger Zeit auf der finanzpolitischen Prioritatenfiste ziemlich weit oben steht. Das freilich ist nur ein relativer Vorteil. Wer in den vergangenen Jahren an einer der überfüllten deutschen Universitäten studiert hat, wer in den Präsenzbibliotheken immer wieder vergeblich nach Büchern suchte oder wochenlang auf ein Werk warten mußte, weil es ausgeliehen und bereits mehrfach vorgemerkt war — der weiß, daß die Universitätsbibliotheken ungenügend ausgestattet sind.

Ungenügend, das heißt: Zahlreiche Werke und Zeitschriften sind überhaupt nicht vorhanden, und von den vorhandenen Büchern gibt es — gemessen am Bedarf der immer zahlreicheren Studenten — nicht genug Exemplare. Ungenügend, das heißt in Zahlen: ein Sachetat von jeweils einer Million für die Universitätsbibliotheken in Bonn, Mainz und Köln (ebensoviel steht übrigens auch der Kernforschungsanlage in Jülich fir ihre Bibliothek zur Verfügung), ein Gesamtem von 3 8 Millionen für die Universitätsbibliothek Bochum, 7 3 Millionen für Hamburg. Zum Vergleich: Die Königin unter den deutschen Bibliotheken, die Bayrische Staatsbibliothek, hat in diesem Jahr einen Etat von rund 14 3 Millionen. Ebenso wie bei Theatern und Museen wi d der größte Teil der Bibliotheksgelder von den Personalkosten aufgezehrt. Die Personalintenität dieser Institute liegt zwischen der von Theatern und Museen. Dazu nur ein paar Zahlen: Die Bayrische Staatsbibliothek, auch in dieser Beziehung an der Spitze, hat 343 Mitarbeiter, darunter 53 wissenschaftlich ausgebildete Kräfte, die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg mit 1 3 Millionen Bänden 178, die Amerika Gedenkbibliothek in Berlin mit 390 000 Bänden 153 und die Universitätsbibliothek Mainz nit 765 000 Bänden 87. Das bedeutet, daß meist mdir als 60 Prozent des Haushalts für Gehälter und Löhne ausgegeben werden müssen.

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