Komik aus dem Kopf

Jeder hat die Szene schon in zahllosen Variationen gesehen. Der schmächtige Held entwischt einem Heer bulliger Polizisten. Im Stummfilm setzt die Komik die Logik außer Kraft.

Bei Karl Valentin dagegen wird Komik erst durch Logik möglich. Wenn bei ihm ein Delinquent seinem Polizisten entkommt, weiß Valentin dafür eine Erklärung, die viel logischer, viel irrsinniger ist als alle Slapstick Unwahrscheinlichkeit. Valentins Landgendarm nämlich muß gestehen: „Ich kann überhaupt nicht schreiben, das ist ja das Dumme bei mir, ich muß jeden Spitzbuben, den ich auf der Straße gefangen habe, abzeichnen. Sie, das ist eine Hundsarbeit, einen solchenSpitzbuben abzeichnen; meinen Sie, von diesen Spitzbuben tat sich einmal einer eine Stunde ruhig halten? Nicht ums Sterben. Unterm Bleistiftspitzen sind sie mir schon davon " Die Stummfilm Polizisten haben zu kurze Beine, Valentins Landgendarm hat einen zu kurzen Verstand. Ein bißchen seriöser formuliert, wird hieraus eine Kurzdefinition der Valentinschen Komik: irn Stummfilm hat Pech physische, bei Valentin hat es intellektuelle Ursachen. Der Stummfilm jagt seine Helden durch unzählige physische Katastrophen; Valentins Dramaturgie ist die der Denkkatastrophen.

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Alle großen Komiker versuchen, Unmögliches zu tun — Chaplin verzehrt Schnürsenkel und Schuhsohlen, Laurel und Hardy schleppen ein zentnerschweres Klavier über eine winzige, wacklige Seilbrücke, Valentin will ein Loch in seiner Hose mit Benzin wegwischen. Was aber bei keinem anderen Komiker passiert: Valentin versucht fortwährend, Unmögliches zu denken. Dabei wagt er sich bis in Grenzbereiche der Philosophie. Hat es Sinn, daß es jeden Tag Nacht wird? Valentin ist sicher der erste Philosoph, der bis zu diesem Problem vorgedrungen ist. Da will ein schlichter, etwas konfuser Kneipenwirt am Abend ein Brillantfeuerwerk abbrennen.

Mit dem Wetter hat der Mann schon genug Kummer — da vergällt ihm Valentin vollends die Festesfreude „Wenns aber heut net finster wird?" fragt er arglos, und dann kommt es zu dem folgenden, denkwürdigen Zwiegespräch: DER WIRT: Geh reden S doch net saudumm daher, finster werds do alle Tag auf d Nacht. VALENTIN: Wenns alle Tag finster werd, dann kannt ma ja alle Tag a Feuerwerk abbrennen.

DER WIRT: Freili kannt ma das, aber wenn ma alle Tag a Feuerwerk abbrenna tat, dann is ja a Feuerwerk was ganz Alltäglichs — das hätt ja gar kein Sinn.

VALENTIN: Na hätt ja des aa kein Sinn, wenns alle Tag dunkel werd.

So lassen sich Valentins Szenen weitschweifig auf die absurdesten Probleme ein; mit unerbittliiier Logik erforschen sie das Banale. Wäre PbiIcsophie allein eine Sache des Erkenntniseifers, dmn wäre Valentin ein großer Philosoph. Doch sein tragisches Pech ist die groteske Diskrepanz zvischen Denkanstrengung und Denkobjekt. Valentins Texte denken nach, wo es gar nichts zu denken gibt; sie denken nach über das noch nie Gedachte (etwa über das Problem der Filzhüte: „Die haben den Nachteil, daß man sie nicht hört, wenn sie einem vom Kopf auf den Boden fallen"); sie stellen dort noch Fragen, wo es nichts irehr zu fragen gibt, wo die Antwort klar scheint: FRAU: Ach, ist des a netts Hunderl! Harn S HERR: Ja ja, schon zehn Jahr.

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