Bergbau Krise macht krank
Zum erstenmal seit fürf Jahren sind im Ruhrbergbau die bisher ständig ansteigenden Krankenzahlen zurückgegangen. Gegenüber einem Höchststand von 14 3 Prozent im Dezember 1971 ist der Krankenstand bei der Kuhrkohle AG im April dieses Jahres auf knapp unter zwölf Prozent gesunken. Bei 174 000 Beschäftigten des Kohleeinheitsunternehmens bedeutet das immer noch, daß im Durchschnitt täglich 20 000 Belegschaftsmitglieder wegen Erkrankung nicht am Arbeitsplatz, erscheinen.
In einer Untersuchur g hat die Unternehmensleitung die Ursachen für den hohen Krankenstand rgründet. Dabei wurde festgestellt, daß neben der Auswirkung der Lohnfortzthlung im Krankheitsfall — nach der Einführung des Gesetzes stieg der Krankenstand im Ruhrbergbau von 9 2 Prozent 1969 auf 12 4 Prozent 1970 — die Umbesetzungen im Zusammenhang mit den Stillegungs- und Anpassungsmaßnahmen den Krankenstand erhöhen. Die Bergleute zeigen mehr Neigung zu Erkrankungen, wenn sie aus eingespielten, gewachsenen Arbeitsgruppen auf andere Zechen in eine neue Umgebung kommen.
Das Unternehmen hat eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, die jetzt offensichtlich die ersten Früchte tragen. Neben einer umfassenden Aufklärung über die Folgen des hohen Krankenstandes werden Umbesetzungen an den Arbeitsstellen vorgenommen, die Wetterführung in den Gruben wird verändert und im größeren Umfang Wetterschutzkleidung, ausgegeben. Darüber hinaus werden ausländischen Bergleuten Dolmetscher für Arztbesuche zur Verfügung gestellt und Beratung über eine Urlaubsplanung eingeführt, die eine wirkliche Erholung der Arbeitnehmer gewährleisten soll. Wenn eine mißbräuchliche Ausnutzung der Lohnfortzahlung festgestellt wird, werden in Einzelfällen auch Entlassungen ausgesprochen.
Der gegenwärtige, niedrige Krankenstand wird sich voraussichtlich nicht das ganze Jahr über durchhalten lassen. Erfahrungsgemäß steigen mit dem Sommeranfang auch die Krankmeldungen. Bei einer Senkung des durchschnittlichen Krankenstandes um zwei Prozent im Jahr würde die Ruhrkohle AG 100 Millionen Mark ersparen, rund ein Viertel des Vorjahresverlustes der Gesellschaft.
- Datum 02.06.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 2.6.1972 Nr. 22
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